Die Rhetorik um Şengal und wie die Gesellschaft den »Bruderkrieg« abwandte

Wer sich verweigert, wird auf der Strecke bleiben

Meral Çiçek, Journalistin

Anfang des Jahres besuchte der türkische Premierminister Binali Yıldırım erst Bagdad und anschließend die autonome Regionalregierung Kurdistan (Kurdish Regional Government, KRG)/Südkurdistan. Davor hatte es einen heftigen Schlagabtausch zwischen irakischen und türkischen Regierungsvertretern gegeben. Kurz vor der Offensive auf Mûsil (Mossul) verlängerte das türkische Parlament Anfang Oktober 2016 das Mandat für den türkischen »Militäreinsatz« – »Besetzung« wäre der bessere Begriff – in Syrien und dem Irak, besser gesagt Rojava (Westkurdistan/Nordsyrien) und Südkurdistan (Nordirak), um ein Jahr. Daraufhin rief das irakische Parlament seine Regierung dazu auf, gegen die Präsenz der türkischen Besatzungstruppen einzuschreiten. Bagdad hat die Existenz türkischer Truppen in der Nähe von Mûsil als »eklatante Verletzung« seiner Souveränität verurteilt. Anschließend forderte der irakische Premierminister Haider al-Abadi die Türkei auf, ihre Truppen sofort aus Baschika bei Mûsil abzuziehen, und äußerte die Sorge, dass »das türkische Abenteuer zu einem Regionalkrieg führt«. Der Irak verlangte außerdem eine Sondersitzung des UN-Sicherheitsrats zur unerwünschten türkischen Militärpräsenz in Baschika.

Der türkische Präsident Erdoğan, der sich ja bekanntermaßen nichts aus Etikette und diplomatischem Verhalten macht, antwortete dem irakischen Premierminister in gewohnter Manier: »Er beleidigt meine Person. Du bist nicht mein Ansprechpartner, du hast nicht meinen Rang, du bist auch nicht mein Kaliber, du hast auch nicht meine Qualität. Dein Herumschreien und Herumbrüllen im Irak ist für uns ohne Bedeutung. Du solltest wissen, dass wir tun werden, was wir wollen. Wer ist das eigentlich? Der Premierminister vom Irak. Lern erst einmal deine Grenzen kennen!«

Keine zwei Monate später hat sich der Ton auf türkischer Seite plötzlich komplett verändert. Jetzt hieß es auf einmal, die Souveränität des Irak sei für die Türkei sehr wichtig.

Was war der Grund für diesen plötzlichen Meinungswandel? Warum ist der türkische Premierminister zwei Monate nach Erdoğans heftigen Worten nach Bagdad gereist und hat hier versucht, den Streit mit Al-Abadi zu entschärfen? Die Antwort auf diese Fragen ist in Şengal (Sindschar) zu suchen. Aber gehen wir dazu wieder einige Schritte zurück.

Die Stadt Şengal geriet am 3. August 2014 in den Fokus der Weltöffentlichkeit. An diesem Tag überfiel der Islamische Staat (IS) das Hauptsiedlungsgebiet der Êzîden, einer religiösen Minderheit der Kurden, in Südkurdistan und verübte hier einen Völkermord. Die Terrormiliz massakrierte unzählige êzîdische Zivilisten und verschleppte schätzungsweise fünftausend Mädchen und Frauen, um sie als Kriegsbeute auf Sklavenmärkten zu verkaufen. Viele junge Frauen und Mädchen stürzten sich von den Klippen der Şengal-Berge, um nicht in die Hände des Islamischen Staats zu geraten. Ältere Frauen, die sich nicht als auf den Märkten zu verkaufende Sexsklavinnen eigneten, wurden getötet und in Massengräber geworfen. Das gesamte Ausmaß dieses Genozids, der als 73. Ferman, also 73. Völkermord, in die tragische und schmerzhafte Geschichte der Êzîden eingegangen ist, konnte bisher noch nicht vollständig untersucht werden, da sich noch ein wichtiger Teil Şengals unter der Kontrolle des IS befindet. Auch sind schätzungsweise dreitausend versklavte Mädchen und Frauen immer noch in den Fängen des IS.Frauen aus Şengal erklären den PDK-Peşmerge, dass sie sie hier nicht haben wollen. | Foto: ANF

Zu diesem 73. Genozid in der Geschichte der Êzîden konnte es im ersten Viertel des 21. Jahrhunderts kommen, weil das Volk von Şengal dem IS schutzlos ausgeliefert worden war. Şengal ist eine kurdische Stadt mit einer mehrheitlich kurdischen Bevölkerung in Südkurdistan. Die meisten dort lebenden Kurden sind êzîdischen Glaubens, der seinen Ursprung im Zoroastrismus hat. Da sich die Êzîden gegen Islamisierung und Unterwerfung gewehrt haben, wurden sie dutzende Male massakriert. Wer diese Völkermorde überlebte, wurde als Teufelsanbeter denunziert und systematisch diskriminiert.

Şengal, eine der wenigen noch existierenden heiligen Stätten und ein Hauptsiedlungsgebiet der Êzîden, wird von der irakischen Zentralregierung verwaltet. Die Stadt gehört zum Gouvernement Ninive mit seiner Hauptstadt Mûsil. Die Provinz Ninive besteht neben Şengal und Mûsil aus den Distrikten Akre, al-Ba’adsch, al-Hamdaniya, Hatra, Schikhan (kurdisch: Şêxan), Tal Afar und Tilkaif. Bei Schikhan handelt es sich um ein weiteres wichtiges êzîdisches Siedlungsgebiet, da es das Zentrum der êzîdischen Scheiche bildet. Zudem ist es Domizil des wichtigsten êzîdischen Oberhaupts, Babê Şêx (»Vater der Scheiche«). Während Schikhan, genauso wie Akre, von der Autonomen Region Kurdistan verwaltet wird, steht die Volksabstimmung, mit der die Bevölkerung der Provinzen Kerkûk, Salaheddin, Ninive und Diyala nach Artikel 140 der irakischen Verfassung entscheiden soll, ob sie weiterhin von der Zentralregierung oder der kurdischen Autonomieregierung verwaltet werden soll, noch immer aus.

Trotzdem hat es vor dem 73. Völkermord in Şengal eine De-facto-Situation gegeben. Obwohl die Stadt unter Verwaltung der irakischen Zentralregierung stand, herrschte in Şengal de facto die Demokratische Partei Kurdistans (PDK). Das kurdische Autonomiegebiet und das gesamte Südkurdistan sind historisch in zwei Gebiete geteilt, deren Grenze sich nach der Verbreitung der zwei hauptsächlich gesprochenen kurdischen Dialekte richtet. Im Behdinan-Gebiet, zu dem Şengal gehört, wird Kurmancî, hier auch Behdinî genannt, gesprochen. Heute befindet es sich unter Kontrolle der PDK, die wiederum vom Barzanî-Clan geführt wird. Im Soranî-Gebiet, das sich von der regionalen Hauptstadt Hewlêr (Erbil) bis zur iranischen Staatsgrenze erstreckt, wird Soranî gesprochen. Es befindet sich mit Ausnahme von Hewlêr zum größten Teil unter Kontrolle der Patriotischen Union Kurdistans (YNK) mit Celal Talabanî als Führer. Hewlêr wurde von der YNK kontrolliert, bis diese 1996 von der PDK mit Unterstützung des Baath-Regimes mit extremer Gewalt aus der Stadt gejagt worden ist.

In Südkurdistan wird die Verwaltung durch einen semimilitärisch geprägten Sicherheitsapparat gewährleistet. Wie an vielerlei Orten im von Krieg und Chaos bestimmten Mittleren Osten findet keine Trennung zwischen Sicherheits- und Verwaltungsstrukturen statt. Lokale und zentrale sogenannte »Asayîş«-Stellen sind deshalb sowohl für lokale Administration als auch für sicherheitsrelevante, gar geheimdienstliche Angelegenheiten zuständig. Beim Großteil des Asayîş-Personals handelt es sich um Peşmerge, welche die lokalen bewaffneten Kräfte der KRG stellen. Sie haben einst den bewaffneten Kampf gegen das irakische Regime geführt und sind dann zusammen mit der Gründung der kurdischen Autonomieregierung sozusagen zur hiesigen Streitkraft geworden. Oberbefehlshaber ist der Präsident der kurdischen Autonomieregierung, also momentan – obwohl seine Amtszeit schon seit zweieinhalb Jahren abgelaufen ist – Mesûd Barzanî. Auch wenn es in der KRG einen Verteidigungsminister gibt, sind die Peşmerge-Kräfte praktisch entweder an die PDK oder die YNK gebunden und erhalten ihre Befehle von dort. Auch innerhalb der Parteien gibt es verschiedene Flügel, weshalb die Peşmerge auch intern geteilt sind. Das heißt, wir können in Südkurdistan nicht von einer einheitlichen, parlamentarisch kontrollierten Streitkraft sprechen.

Diese Informationen sind wichtig, um zu verstehen, wie es dazu hatte kommen können, dass beim Einfall des IS in Şengal zunächst kein militärischer Widerstand geleistet wurde. Zuständig für die Sicherheit in Şengal war die PDK, die mehrere Hundert, wenn nicht gar tausend Peşmerge hier stationiert hatte. Als der IS jedoch in Şengal einmarschierte, verließen die dort Stationierten die Stadt plötzlich in Richtung Duhok und lieferten die êzîdische Bevölkerung auf diese Weise dem IS aus. Obwohl diese darum flehte, ihnen wenigstens ihre Waffen zu geben, damit sie sich gegen den IS wehren könnten, flohen die Peşmerge mit ihren Waffen aus der Stadt.

Dieser Verrat an der êzîdischen lokalen Bevölkerung geschah nicht einfach aus persönlichem Kalkül, sondern auf Befehl. Die Peşmerge hatten die Order erhalten, sich aus der Stadt nach Duhok zurückzuziehen, das Zentrum der PDK. Aber wer hatte den Befehl gegeben? Einige Peşmerge-Kommandanten wurden nach der IS-Offensive von PDK-Führer Barzanî suspendiert. Aber waren sie wirklich die Verantwortlichen? Ist es möglich, dass lokale Kommandanten einen solchen Befehl ohne Rücksprache mit oder Order von höheren Stellen gegeben haben? Angesichts der extrem zentralistischen Strukturen in Südkurdistan ist es sehr unwahrscheinlich. Das heißt, der Befehl an die Peşmerge, sich von der Stadt zurückzuziehen, muss von sehr hoher Stelle gekommen sein.

Interessant ist an dieser Stelle auch die Haltung gegenüber der PKK kurz vor dem Genozid. Abdullah Öcalan, der seit dem 15. Februar 1999 als Resultat einer zwischenstaatlichen NATO-Operation vollkommen isoliert auf der türkischen Gefängnisinsel Imralı gefangen gehalten wird, hatte vor der Gefahr eines Angriffs des IS auf Şengal gewarnt. Der hatte im Juni 2014 die Städte Mûsil und Tal Afar überfallen. Nach Mûsil und Tal Afar ist Şengal die nächste Stadt in Richtung syrischer Grenze und demnach Raqqa, der Hauptstadt des IS. Dementsprechend war die Gefahr klar abzusehen. Die PKK hat deshalb – den Worten des obersten Guerillakommandanten Murat Karayılan nach – mehrere Male Kontakt zur PDK aufgenommen und sie durch Briefe vor der näherrückenden Gefahr gewarnt. Diese habe jedoch nicht auf die Warnungen geantwortet. Daraufhin rief Abdullah Öcalan während eines Gesprächs mit HDP-Abgeordneten im Rahmen der sogenannten »Lösungsphase« die PKK dazu auf, bewaffnete Einheiten nach Şengal zu verlegen. Dies wurde jedoch von der PDK nicht erlaubt und mehrere zivile Kader der PKK, die versucht hatten, nach Şengal zu gelangen, wurden von den Asayîş-Kräften verhaftet. Es waren dann neun PKK-Guerillakämpfer, denen es trotzdem gelang, auf den Berg Şengal zu gelangen und am 3. August 2014 die dorthin geflüchteten Êzîden zu verteidigen. Zu ihrer Hilfe eilten Kämpfer der Volks- und Frauenverteidigungseinheiten (YPG/YPJ) aus Rojava. Während sie den Berg Şengal gegen den IS verteidigten, konnten innerhalb von fünf Tagen zwanzigtausend Êzîden vom Berg über einen von Einheiten der PKK-Guerilla HPG (Volksverteidigungskräfte) und der YPG/YPJ erkämpften humanitären Korridor nach Rojava in Sicherheit gebracht werden.

Heute verfügen die Êzîden auf dem Berg über die Widerstandseinheiten Şengal (YBŞ) und die êzîdischen Fraueneinheiten (YJÊ), die für die Verteidigung sorgen und aus Êzîden aus der Region bestehen. Darüber hinaus sind Selbstverwaltungsstrukturen wie Frauen- und Volksräte gegründet worden. Dass die PKK hierbei – sei es praktisch oder theoretisch – eine führende Rolle gespielt hat, ist nicht zu leugnen. Sie fordert Autonomie und das Recht auf Selbstverteidigung für das êzîdische Volk in Şengal, da das Fehlen von Selbstverteidigung, Selbstorganisierung und Selbstverwaltung zur Schutzlosigkeit während des Völkermords geführt hat. Um zu verhindern, dass es zu einem 74. Genozid an den Êzîden kommt, soll – der PKK nach – die Selbstorganisierung gestärkt werden. Und das ist etwas, das die zentralistische PDK mit Sicherheit nicht gutheißt. Nicht zu vergessen, dass viele, wenn nicht die meisten Êzîden in der Region seit dem Völkermord die PKKler als Helden feiern und die PDKler als Verräter verfluchen.

Kommen wir jetzt nach dieser langen Einleitung zurück zum Beginn dieses Artikels und unserem eigentlichen Thema. Warum hat die türkische AKP-Regierung, allen voran Erdoğan, den irakischen Präsidenten Al-Abadi erst heftig beschimpft und dann plötzlich im Januar eine 180-Grad-Wendung vollzogen?

Dass sie alle Jahre wieder damit droht, in Qandil einzumarschieren, ist nichts Neues. Diese Platte wurde im Herbst, kurz vor Beginn der Offensive auf Mûsil, wieder einmal aufgelegt. Erst hieß es, man werde »den Terror ausrotten« und »Qandil dem Erdboden gleichmachen«. Die Qandilberge in Südkurdi­stan befinden sich unter PKK-Kontrolle. Qandil wird synonym mit PKK-Zentrale genutzt.

Während zunächst – mal wieder – »nur« mit der militärischen Besetzung der Qandilberge gedroht wurde, fiel Ende Oktober 2016 plötzlich auch der Name Şengal. Erst sagte Erdoğan: »Sindschar [arabische Bezeichnung für Şengal] ist dabei, zu einem zweiten Qandil zu werden. Deshalb werden wir Sindschar nicht zulassen, denn dort ist die PKK.« Kurze Zeit später drohte Devlet Bahçeli, Führer der ultranationalistischen Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP), die sich mit der AKP zur nationalen faschistischen Front zusammengeschlossen hat: »Die Türkei verfügt über die Kraft, die Verräter, die sich in Sindschar zu positionieren versuchen, auch auf irakischem Boden zu verfolgen und zu eliminieren. Egal, ob wir uns in Gefahr befinden oder nicht, es ist unser Recht, die türkische Flagge in Qandil oder Sindschar zu hissen.« Diese Worte sind nicht nur Drohungen, sondern spiegeln zugleich die türkische Staatsmentalität wider, die militärische Besetzung fremden Territoriums für ihr Recht hält.

Diese Pläne für eine Besetzung Şengals wurden dann mit der Sitzung des türkischen Nationalen Sicherheitsrats am 30. November offiziell. In der Erklärung hieß es: »Kraftvoll wurde unterstrichen, dass die Strukturen von PKK/PYD/YPG und anderen Terrororganisationen im Norden Syriens und dem Gebiet Sindschar im Irak keinesfalls erlaubt werden und wenn notwendig von jeglicher Möglichkeit Gebrauch gemacht werden wird.« Außerdem sei man dafür »zu jeglicher Kooperation mit den Kräften in der Region bereit«.

Wenige Tage vor der Sitzung des Nationalen Sicherheitsrats hatte Nêçîrvan Barzanî, Premierminister der KRG und zugleich Neffe von Mesûd Barzanî, Ankara besucht und hinter geschlossenen Türen über anderthalb Stunden mit Erdoğan und dem türkischen Geheimdienstchef Hakan Fidan gesprochen. Dass hier vor allem über Şengal und eine Offensive gegen die PKK diskutiert wurde, ist bekannt. Das heißt, basierend auf den zwischen Erdoğan und Barzanî festgelegten Punkten sowie den hier von der PDK gemachten Zusicherungen für eine Kooperation wurden auf der Sitzung des Sicherheitsrats offizielle Beschlüsse gefasst.

Was aber sind die Gründe für die türkischen Pläne einer militärischen Besetzung Şengals? Wieso ist das Gebiet für die türkische Regierung plötzlich so wichtig? Natürlich ist der erste und wichtigste Grund die PKK, besser gesagt ihr Einfluss in Şengal. Zahlenmäßig dürfte sie dort nur sehr begrenzt vertreten sein. Aber dass die Êzîden auf dem Berg Şengal ihre Selbstverwaltung, Selbstorganisierung und Selbstverteidigung vorantreibend de facto eine Art demokratische Autonomie aufbauen, ist ohne Zweifel auf den Einfluss der PKK zurückzuführen. Jahrelang sind die Êzîden in Şengal kontrolliert worden. Von Duhok aus wurde ein System entwickelt, in dem die Bevölkerung über lokale Kollaborateure kontrolliert wird. Systematisch wurde jegliche Entwicklung unterdrückt und die Organisierung des kollektiven Willens verhindert. Zusammen mit dem Aufbau von demokratischen lokalen Strukturen, wie dem Volksrat und dem Frauenrat von Şengal, ändert sich dies jetzt radikal. Aus diesem Grund sind eine Vertreibung der PKK und eine Zerstörung dieser basisdemokratischen Strukturen in Şengal für die PDK von Interesse.

Der türkischen Regierung, die einen genozidalen Krieg gegen die kurdische Bevölkerung und deren widerständige Organisationen führt, ist die PKK überall in der Welt ein Dorn im Auge, der gezogen werden muss. In diesem Sinne will sie die PKK bzw. die kurdische Befreiungsbewegung überall eliminieren. Hierzu gehört auch Şengal. Während es praktisch gesehen fast unmöglich scheint, in Qandil einzumarschieren, stellt Şengal ein weit kleineres Gebiet mit begrenzten militärischen Möglichkeiten dar. Wenn die AKP in ihrem genozidalen Krieg schon nicht in Qandil einmarschieren kann, so soll es wenigstens Şengal sein.Die noch immer zerstörte Stadt Şengal | Foto: ANF

Aber darüber hinaus spielen weitere Faktoren eine große Rolle. Vor allem Rojava. Şengal stellt das Tor zu Rojava dar. Die militärische Besetzung Şengals würde den Druck auf Rojava verstärken, das sowohl von der Türkei als auch von Südkurdistan einem Embargo ausgesetzt wird. Auf diese Weise würde Rojava komplett eingekesselt werden. Denn im Norden und Nordwesten Rojavas stehen das türkische Militär und von der Türkei unterstützte sogenannte »Rebellen« der Freien Syrischen Armee (FSA). Im Süden steht der Islamische Staat. Vom Osten aus übt die PDK das Embargo aus.

Aber darüber hinaus sind aktuelle regionale Entwicklungen von Bedeutung. Vor Beginn der Mûsil-Offensive wurde darüber berichtet, dass die lokalen Verteidigungskräfte von Şengal (YBŞ) an der Offensive teilnehmen würden. Während der Offensive zur Befreiung des Stadtzentrums von Şengal haben die YBŞ bewiesen, dass sie im Kampf gegen den IS die stärkste Kraft vor Ort darstellen. Aus diesem Grund hätte ihre Teilnahme an der Offensive zur Befreiung Mûsils mit Sicherheit einen großen Beitrag geleistet. Aber kurz vor Beginn der Offensive muss eine Intervention von außen stattgefunden haben, um die Teilnahme der YBŞ zu verhindern. Die Türkei wird hierzu ihre erprobte Politik der Erpressung benutzt haben. Womit sie auch immer der irakischen Regierung oder der internationalen Koalition gedroht haben mag, im Ergebnis haben die YBŞ zwar nicht direkt an der Mûsil-Offensive teilgenommen, im Süden Şengals jedoch eine eigene Operation zur Befreiung von IS-besetzten Dörfern gestartet. Diese Operation hat im November 2016 innerhalb weniger Tage ihr Ziel erreicht und ist erfolgreich beendet worden.

Zeitgleich haben schiitische Milizen in Tal Afar eine Offensive gegen den IS begonnen. Tal Afar liegt genau zwischen Mûsil und Şengal und ist von strategischer Bedeutung; sowohl für den IS als auch für alle Kräfte in der Region. Die schiitische Volksmiliz Hashdi Shaabi ist zwar an die irakische Zentralregierung gebunden, es ist aber kein Geheimnis, dass der Iran großen Einfluss auf die Miliz hat und teilweise sogar kommandiert.

Dieses Detail ist von großer Bedeutung, denn einer der Gründe für die Vertagung der Offensive zur Befreiung Mûsils war die Frage nach der Kontrolle der Stadt nach dem IS. Wer sollte in Mûsil herrschen? Schiiten oder Sunniten? Die türkische Regierung sowie die kurdische PDK haben sich relativ früh auf die Seite der sunnitischen Front, angeführt von Saudi-Arabien und Qatar, geschlagen. Auf der anderen Seite wird die schiitische Front von der irakischen Regierung und dem Iran repräsentiert. Die kurdische Befreiungsbewegung jedoch hat von Anfang an unterstrichen, dass sie ein Modell lokaler Autonomie und Selbstverwaltung für diese multiethnische und multireligiöse Stadt präferiert.

Durch die schiitische Offensive in Tal Afar, das an Şengal angrenzt, würden die kurdischen Kräfte in Şengal, angefangen bei den YBŞ, neue Möglichkeiten gewinnen, ihr auf Selbstverteidigung, Selbstorganisierung und Selbstverwaltung bauendes neues System auszuweiten und zu stärken. Weil sie so einerseits die Chance erhielten, den IS weiter zurückzudrängen, und andererseits durch weitere Erfolge im Kampf gegen den IS noch mehr an Legitimität gewinnen würden. Außerdem wäre auf lokaler Ebene auch eine Zusammenarbeit mit irakischen Streitkräften denkbar. Die YBŞ sind jetzt schon von der irakischen Regierung als lokale Selbstverteidigungskraft anerkannt. Wie ärgerlich diese offizielle Anerkennung aus Sicht der Türkei ist, muss nicht weiter ausgeführt werden. Aber dass die YBŞ wie die YPG/YPJ in Rojava gemeinsam mit Mitgliedsstaaten der internationalen Koalition kämpfen und auf diese Weise an internationaler Legitimität gewinnen, will die Türkei mit allen Mitteln verhindern. Dies ist ein weiterer Aspekt des geplanten Angriffs der Türkei auf Şengal.

Das Ganze muss auch aus ideologischer Sicht betrachtet werden. In Şengal wird in den letzten zweieinhalb Jahren ein alternatives System aufgebaut. Es basiert auf Pluralismus und demokratischer Partizipation. Vielleicht zum ersten Mal in ihrer Geschichte überwinden Êzîden, die in einer Kastenstruktur organisiert waren, interne gesellschaftliche Hierarchien und entscheiden gemeinsam über ihre Zukunft. Sie organisieren sich basisdemokratisch und nehmen ihr Schicksal so komplett in die eigene Hand. Auf diese Weise werden auch politische, gesellschaftliche und ökonomische Abhängigkeiten überwunden. Und das ist auch der Grund dafür, dass die PDK, wie jüngst von Human Rights Watch berichtet, ein Embargo gegen Şengal praktiziert. In diesem Sinne symbolisiert Şengal die Linie des freien bzw. freiheitsliebenden Kurden, der keinerlei Kollaboration und Abhängigkeit duldet. Die Zusammenarbeit zwischen Türkei und PDK sollte auch in diesem Licht betrachtet werden.

Zur Offensive auf Şengal ist es nicht gekommen. Das Thema scheint erst einmal von der Tagesordnung gestrichen. Das wiederum ist ein Verdienst der Bemühungen um nationale Einheit. Die Türkei hatte geplant, die Offensive im Januar zu beginnen. Aus diesem Grund war der türkische Premierminister so plötzlich erst nach Bagdad, dann nach Hewlêr gereist. Deshalb hatte sich der Ton gegenüber der irakischen Regierung plötzlich um 180 Grad gedreht. Die türkische Regierung wollte ursprünglich die PDK direkt in die Operation mit einbeziehen. Aber genau zu diesem Zeitpunkt ist die südkurdische Gesellschaft dazwischengegangen. Erst sind ehemalige Peşmerge-Kämpfer, dann die Jugendbewegung und dann Akademiker sowie Intellektuelle nach Qandil gereist und haben hier ein Zeichen gesetzt. Sie haben klar erklärt, dass sie als südkurdische Gesellschaft einen weiteren Bruderkrieg nicht dulden werden und sich, wenn nötig, dazwischenstellen werden. Als sich diese Initiative dann weiter ausgeweitet hat und in verschiedenen kurdischen Städten die Menschen auf die Straße gegangen sind und so den Druck auf die PDK intensiviert haben, hat diese die Forderung der Türkei dann abgelehnt. Denn trotz aller Manipulation und Gegenpropaganda über Presse und Rundfunk war es nicht möglich gewesen, eine solche Operation gegen Şengal in den Augen der kurdischen Gesellschaft zu legitimieren.

Es ist zu hoffen, dass dies auch so bleibt. Aber um dies zu garantieren, ist es von großer Bedeutung, die Bemühungen und Arbeiten für kurdische nationale Einheit weiterzuführen. Ein kurdischer Nationalkongress ist in diesem Zusammenhang ein Muss. Wer sich an diesen Bemühungen beteiligt, wird an Kraft gewinnen und dem Prozess in Kurdistan Kraft schenken. Wer sich jedoch dieser historischen Notwendigkeit in den Weg stellt, wird selbst auf der Strecke bleiben.