Ein Blick von Katalonien nach Kurdistan

»Den Kurden ist bewusst, dass sie internationalen Mächten nicht trauen können«

Quim Arrufat im Gespräch mit Kavel Alpaslan

Quim ArrufatQuim Arrufat ist ehemaliger Abgeordneter der Candidatura d´Unitat Popular (Kandidatur der Volkseinheit, CUP) im Regionalparlament der Autonomen Gemeinschaft Kataloniens und Kenner des Mittleren Ostens. Kavel Alpaslan sprach mit ihm über den Mittleren Osten und Katalonien.

Wie würden Sie den Mittleren Osten aus katalanischer Sicht beschreiben?

Wir haben sehr gute Beziehungen zur kurdischen Bewegung. Daher teilen wir zum größten Teil ihre Einschätzung, wenn auch nicht zu hundert Prozent. Der Mittlere Osten ist heute die Region auf der Welt, der es am schlechtesten geht. Kapitalismus, Nationalstaat, autoritäre Mentalität, Patriarchat, Geopolitik – all das ist in seiner schlimmsten Ausformung im Mittleren Osten zu finden. Die Region ist allerdings in jeder Hinsicht reich: Energie, Ackerbau, Tradition, Historie, Literatur, Philosophie, Kultur. Das trägt aber auch zum »Schlechten« bei. An diesem Punkt gibt es eins, das wir von den Kurden gelernt haben Der Ursprung von Negativereignissen in Mittelost ist nicht in einer Quelle zu suchen. An diesem Punkt gibt es eins, das wir von den Kurden gelernt haben bzw. in unserer Region adaptieren möchten: Die Völker des Mittleren Ostens haben die Kraft, die Gegebenheiten vor Ort ohne die Intervention internationaler Mächte zu ändern. Wenn sie sich nicht organisieren, selbst achten, ihre eigene Sprache, Kultur und Religion verteidigen, wird es keine Lösung geben. Die Lösung liegt in ihrer Hand. Die Region kann sich entwickeln, wenn es eine demokratische und pluralistische Organisierung gibt, die auf der Verteilung des Reichtums basiert.

Anfang Januar fanden im Iran Demonstrationen statt und – zumindest in der Türkei – zwei Meinungen wurden erkennbar: Mit der ersten distanzierte man sich von den Demonstrationen, weil das iranische Regime eine antiamerikanische Haltung einnehme, und die zweite maß den Forderungen der Bevölkerung Bedeutung bei. Was halten Sie davon?

Das sind zwei klassische Meinungen: Antiimperialismus und Regimegegner. Beide zeigten sich auch zu Syrien. »Das syrische Regime muss verteidigt werden, denn das ist ein Eingriff in die Souveränität des Landes«, oder »das Regime ist autoritär, wir müssen den Menschen helfen«. Gleiches trifft auch auf den Irak zu: »Saddam ist kein guter Mann, aber wir müssen den Irak gegen imperialistische Eingriffe verteidigen«, oder »Saddam ist ein Diktator, wir müssen den Menschen helfen«.

Als ich 2006 zum ersten Mal in Südkurdistan war, dauerte der Krieg noch an. Damals gab es in Barcelona die größte Aktion gegen den Irakkrieg. Es waren insgesamt eine Million Menschen auf den Straßen. Ich gehörte zu jenen, die sich aktiv gegen den Krieg im Irak stellten.

Als ich in Südkurdistan war, habe ich überall kurdische Fahnen, Peşmerge, eine rechtliche Grundlage für die kurdische Sprache, viele Buchhändler mit kurdischen Büchern usw. gesehen. Das fand ich zunächst positiv, denn die Türkei war nicht so fortschrittlich. Ich sprach mit kurdischen Jugendlichen vor Ort über den Irakkrieg. Sie fragten mich, ob Kurden je etwas gegen Katalanen hatten und warum wir »für Saddam auf die Straße« gingen. »Saddam hat uns in der Anfal-Operation in Massen getötet, aber da habt ihr geschwiegen«, sagte der Jugendliche. Hier sticht auch die eben beschriebene Meinung hervor: »Die Möglichkeit, Saddam abzusetzen, ist gegeben und ihr seid dagegen? Bist du ein Freund oder Feind der Kurden?« Das war eine äußerst schwierige Situation, in der ich zu erklären versuchte, dass es nicht so gemeint war.

Das zeigt, dass man Tatsachen nicht einfach in schwarz oder weiß einteilen kann. Wir haben sehr wohl vieles vom iranischen System gelernt. Die islamische Revolution hat an sehr vielen Punkten die Herrschaft an das Volk zurückgegeben. Wir finden natürlich nicht jede Facette des Regimes richtig. Letztlich ist es ein autoritäres Regime und tötet Kritiker. Es ist also eine Mischung aus allem. Wir wissen aber auch: Wann immer im Mittleren Osten ein Aufstand im Gange ist, versuchen internationale Mächte dies für ihre Zwecke auszunutzen. Das bedeutet aber nicht, dass die Leute nicht auf die Straßen gehen sollen. Es wird jedoch immer die Gefahr der Ausnutzung bestehen, denn die Region liegt inmitten aller geopolitischen und strategischen Pläne und Interessen.

Dann geht es eher darum, Subjekt der Revolution zu werden?

Ja, allerdings kannst du so gut wie möglich die Kontrolle über den Aufstand haben – es wird immer jemand kommen, der seine eigenen Agenten in deine Reihen steckt oder den Menschen Geld gibt, damit sie sich bekriegen – so wie in Syrien. Dieses Problem ist nicht so einfach zu lösen. Ich wüsste, um ehrlich zu sein, nicht, wie ich damit umgehen würde, wenn ich vor Ort leben würde.

Das iranische Regime ist ein äußerst blutiges Regime, das Menschenrechte nicht achtet. Ich habe es selbst vor Ort gesehen. Ich war in kurdischen Dörfern im Iran und habe selbst gesehen, was passiert ist. Ich unterstütze die Menschen im Iran, die aus wirtschaftlichen, sozialen und demokratischen Gründen auf die Straße gehen. Allerdings befürchte ich, dass der Aufstand ausgenutzt wird, je größer er wird – so wie in Syrien.

Wir haben auch gesehen, was in Syrien passiert ist. Anfangs unterstützten wir die Revolution der Menschen in Syrien. Danach haben sich viele internationale Mächte am Krieg beteiligt und Waffen verteilt. Und wozu hat das geführt? Nur zu Chaos und Tod. Daher ist dies ein schwieriger Umstand.

Sie haben gesagt, dass Sie die »kurdische Sicht« auf den Mittleren Osten befürworten. Würden Sie den »demokratischen Konföderalismus«, der von den Kurden vorgeschlagen wird, als ein Modell für ganz Syrien sehen?

Für den Mittleren Osten gibt es bis dato kein anderes Projekt. Das Problem daran ist, dass viele es kategorisch ablehnen, da es aus kurdischer Hand stammt. Der demokratische Konföderalismus ist das einzige Projekt, das den Menschen im Mittleren Osten Freiheit schenken wird.

Es gibt z. B. keinen arabischen Sozialismus oder einen ähnlichen Vorschlag. Warum nicht und welche alternativen Projekte bestehen? Haben die kommunistischen Parteien im Mittleren Osten ein klares Projekt? Leider nicht. Daher ist der demokratische Konföderalismus das einzige Projekt für den sozialen und demokratischen Aufschwung. Das einzige Problem ist, dass er von den Kurden stammt, dadurch von Natur aus viele Feinde hat.

In der Türkei wurde sehr viel über die Unterstützung der USA für die Kurden diskutiert. Wie stehen Sie dazu?

Die endlosen Widersprüche im Mittleren Osten. Ich habe von vielen Menschen gehört: »Wie du siehst, stecken die USA hinter all dem!« Ich war letztes und vorletztes Jahr in Syrien. Ich habe gesehen, wie skrupellos der Islamische Staat (IS) gemordet hat und dass die Menschen in Rojava Unterstützung und Waffen für ihren Widerstand benötigen. Die EU war zu dem Zeitpunkt mit anderen unnützen Sachen beschäftigt und die USA nutzten die Situation zu ihren Gunsten. Aus Sicht der Kurden ist der Widerstand nicht wie in den 80er und 90er Jahren. Die Kurden sind sich bewusst, dass sie den internationalen Mächten nicht trauen können. Denn sie wissen genau: Diese Mächte bewaffnen dich, nutzen dich aus, ziehen sich zurück und töten dich. Die Kurden haben aus ihrer eigenen Geschichte vieles gelernt. Vor Ort hörte ich sehr oft: »Wir wissen ganz genau, dass die USA sich gegen uns wenden werden, wenn der IS beseitigt ist. Ja, wir werden von ihnen bewaffnet und sie bombardieren diejenigen Orte, die wir ihnen sagen. Aber wir organisieren uns selbstständig. Denn wir wissen, dass die USA eines Tages vielleicht uns bombardieren werden.«

Es ist fast schon Tradition, dass man beim Thema Katalanen oder Basken über Ähnlichkeiten mit und Parallelen zu Kurden spricht. Wie würden Sie Gemeinsamkeiten oder Unterschiede in anderen Fällen nationalen Widerstands beschreiben?

Es bestehen sehr große kulturelle, wirtschaftliche und geopolitische Unterschiede. Es ist ein Unterschied, ob man in Rojava bzw. Amed oder Barcelona, mitten in Spanien bzw. Europa steht. Es gibt aber eines, was alle Minderheiten auf der Welt zusammenbringt: Wenn du weißt, dass das Sprechen deiner Sprache eine militante Aktion, deine Sprache nicht die der Mehrheit ist, und wenn dir jemand erzählen will, dass deine Kultur nicht »die richtige« ist, dann hast du eine natürliche Verbundenheit mit anderen Minderheiten. Dann kannst du sehr schnell Empathie empfinden: »Ja, das Gefühl kenne ich.« Dieses Gefühl überwindet sehr schnell Grenzen, von Katalanen zu Kurden bis nach Lateinamerika. In starken und autoritären Ländern kann man nicht so schnell gegenseitige Empathie empfinden.

Das ist die sprachliche und kulturelle Seite der Sache. In Katalonien ist der Widerstand eher auf die politische Herrschaft des Volkes fixiert. Und das hat nicht nur einen Bezug zu Minderheiten, sondern auch zu vielen unterschiedlichen Bewegungen. Wir sehen z. B. eine große Parallele zwischen Griechen, die während des EU-Referendums zu EU-Plänen Nein sagten, und uns. Auf den ersten Blick besteht keine Verbindung. Allerdings ist der Kern derselbe: die Forderung nach einem besseren und demokratischeren Leben für alle. Ein System, in dem das Volk und weniger Banken oder Zentralregierungen die Entscheidungen treffen. Wenn man das Volk ins Zentrum aller Forderungen stellt, lassen sich Parallelen zu vielen anderen Bewegungen feststellen. Es geht natürlich nicht um Gegenüberstellung. Es geht um Unabhängigkeit, indem man seine Entscheidungen selbst trifft. Das ist keine Sache von Minderheiten.
Es ist traditionell ein bedeutender Faktor, Katalane zu sein. Das ist aber in den letzten zehn Jahren eher weniger der entscheidende Faktor. Heute ist der Klassenkampf in Europa und eigentlich auf der ganzen Welt dadurch geprägt, die Kraft an das Volk zurückzugeben. Das Volk und nicht der Staat bzw. das Kapital soll die Entscheidungen treffen. Es ist zweitrangig, ob es sich dabei um das katalanische oder spanische Volk handelt.

Auf die Frage »Was ist der Staat heute?« kommt man sehr schnell zu der Antwort: »Ein administrativer Mechanismus, der seine Befehle aus der Marktwirtschaft erhält und autoritäre Maßnahmen ergreift.« Er ist nicht mehr eine Einrichtung, die unsere Rechte vor dem Kapital schützt. In der EU beispielsweise werden sofort Gesetze erlassen, wenn sie von Banken gefordert werden. Bei zu vielen Protesten wird einfach eine Gefängnisstrafe verhängt.

Die katalanische Bewegung stellt dieses Herrschaftsproblem in den Mittelpunkt. Dadurch haben wir starke Beziehungen zu anderen Bewegungen in Spanien. Der Widerstand geht also über Nation und Ethnie hinaus. Es ist ein Widerstand für Demokratie, und Demokratie bedeutet, die Kraft dem Volk zurückzugeben.