Bericht über den Besuch in Nordkurdistan an Newroz

Newroz heißt Widerstand

Teilnehmerin der Newroz-Delegation 2018

Newroz heißt WiderstandDie im Herzen Kurdistans gelegene Großstadt Amed (Diyarbakır) wird auch 2018 von zahlreichen internationalen Delegationen in der Zeit rund um Newroz besucht. Neben baskischen, italienischen, französischen, norwegischen und schwedischen findet sich auch eine aus der Bundesrepublik Deutschland ein. Aus der Perspektive als Teilnehmerin der Delegation aus Deutschland ist dieser Bericht geschrieben. Civaka Azad (Kurdisches Zentrum für Öffentlichkeitsarbeit e.V.) koordinierte diese Delegation; in Amed selbst waren wir alle Gäste der HDP (Demokratische Partei der Völker).

17.03. – Ein Meer türkischer Fahnen, endloses Helikoptergekreise und Scharfschützen auf den Dächern. So werden nicht nur wir empfangen, sondern auch der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan, der ebenfalls an diesem Tag Amed besucht. Bei seinem ersten Besuch seit zwei Jahren will er sich davon überzeugen, dass der Wiederaufbau der von ihm zerstörten Altstadt Sûr auch seinen Vorstellungen entsprechend verläuft. Zeitgleich bombardieren seine Milizen Efrîn in Nordsyrien – auch von Amed aus starten die Kampfflugzeuge.

Zwei frisch gepflasterte, breite Hauptstraßen der Altstadt sind gesäumt von Wohn- und Geschäftshäusern, die sich stark ähneln. Alles neu, alles weiß. Platz genug für die zahlreichen gepanzerten Polizeiwagen und die Fahrzeugflotte des Diktators, die martialisch an uns vorbeirauscht. Dessen Nähe zu wissen und untätig zu sein, macht ganz schön betroffen. Zu zweit flüchten wir in die Marktgassen des Joghurtbasars. Schnell stoßen wir auf die erste Barriere, die uns von der Zerstörung der ehemaligen Stadtteile Fatihpaşa, Hasırlı und Dabanoğlu trennt. Glücklicherweise lädt uns ein junger Mann in sein Haus ein. Vom Dach aus können wir das Ausmaß der Zerstörung betrachten. Einer der Hubschrauber kreist immer näher über unseren Köpfen, während wir Tee trinken, aber die Schwägerin des Freundes winkt angesichts unserer Bedenken nur ab. Die Situation ist makaber und schön zugleich. Die Abendsonne taucht die Brutalität der Verwüstung in ein wunderschönes Licht. Auf den Mauern der Ruine neben uns sitzen zwei Jungs, mit denen wir über das Victory-Zeichen kommunizieren, und wir freuen uns über die Gastfreundschaft.

18.03. – Die Freund*innen haben ein straffes Programm für die folgenden Tage aufgestellt, bestehend aus Besuchen und Gesprächen mit politischen und zivilgesellschaftlichen Akteur*innen und Initiativen.

Der Tag beginnt in einem Ökologie-Projekt in der Nähe der Stadt. 2017 hatte eine Gruppe von Aktivist*innen das Grundstück gemeinsam gekauft und urbar gemacht. Viele kommen und helfen beim Obst- und Gemüseanbau, Samen werden in den umliegenden Dörfern verteilt, um für den ökologischen Anbau zu werben. Regelmäßig kommen Kindergärten, um den Kindern Raum zum Spielen und den Kontakt zur Natur zu ermöglichen. Geography is a destiny.

Eine Aktivistin der Ökologiebewegung führt uns anschließend durch die jahrtausendealten Hevsel-Gärten, die als Weltkulturerbe anerkannt sind. Seit 7.000 Jahren werden die Flächen landwirtschaftlich genutzt und sind Existenzgrundlage zahlreicher Menschen. Doch nun plant das türkische Ministerium für Umwelt und Urbanisierung entlang des Tigris Parkanlagen, Picknick-Bereiche und Cafés. Die Bewegung kämpft dagegen an, befürchtet sie doch Kommerzialisierung und Zerstörung dieser einzigartigen Landschaft. Auch die Staudamm-Projekte gefährden die ökologische Infrastruktur und bedrohen zahlreiche, teilweise endemische Tier- und Pflanzenarten. Der Kampf gegen die Pläne findet nicht nur vor Gericht statt; seit Herbst 2017 bringt die Bewegung jeden Sonntag zivilgesellschaftliche und soziale Organisationen in die Gärten, um ein breites Bündnis der Solidarität zu schaffen.

19.03. – Die Sûr-Plattform, eine Dachorganisation gegen die Zerstörung der Altstadt, die von nationalen wie internationalen Institutionen und Organisationen unterstützt wird, berichtet von ihrem Kampf.

Die Transformationsprozesse, die das AKP-Regime seit Jahren durchführt, sind in ihrer Brutalität kaum zu übertreffen. Sowohl durch den Einmarsch der türkischen Sicherheitskräfte mit Panzern, Scharfschützen und Artillerie Ende 2015 als auch durch schon vorher begonnene Gentrifizierungsprozesse führt Ankara einen Krieg gegen die kurdische Bevölkerung in Sûr. Die Geschichte der Stadt, die ganze Stadt selbst, soll neu geschrieben werden. Die spezifische soziale Struktur, die sozioökonomischen Zusammenhänge, die Kultur und Erinnerung der Menschen – das alles soll ausgelöscht und ersetzt werden durch ein neues Sûr, das sich als Touristenattraktion und als Zentrum für die wohlhabende Klasse präsentiert. Um erneuten Widerstand im Keim zu ersticken, entstehen überall Polizeistationen und die Straßen werden so breit, dass sich dort schwere Militärfahrzeuge bewegen können.

Die Auswirkungen auf die Menschen, besonders auf die Kinder, sind verheerend. Durch die Umsiedlungen in anonyme Wohnblöcke am Rande der Stadt wurden existenzielle soziale und ökonomische Netzwerke völlig zerstört. Tausende Menschen mussten fliehen, viele auch in die weiter entfernt liegenden Städte und Dörfer, weil sie sich die neuen Wohnungen nicht leisten können.

Wir besuchen die »Barış Anneleri«, die Friedensmütter. Sie haben eines gemeinsam: Alle haben Söhne, Töchter oder andere Familienangehörige im Krieg verloren. Es sind weiterhin harte Zeiten für diese Frauen, die sich für Frieden zwischen den ethnischen Gruppen in der Türkei einsetzen. Die völkerrechtswidrige Invasion in Efrîn setzt das Leid fort, weiter sterben Kinder in den andauernden Konflikten, gleichzeitig sehen sie sich selbst in Amed Verfolgung und Repression durch den türkischen Staat ausgesetzt. Ihre Wut richtet sich auch gegen die Untätigkeit der EU, die Erdoğan weiter gewähren lässt. »Wenn wir in den Westen gehen, sehen wir Schulen und Fabriken. Wenn ihr hier herkommt, was seht ihr außer Gefängnissen und Polizei und Panzern?«, fragen sie uns. »Ihr versäumt es, Erdoğan den Prozess zu machen.« Der Besuch ist sehr aufwühlend, wir weinen kollektiv. Dennoch, wir dürfen alle gemeinsam die Hoffnung nicht aufgeben, denn das ist alles, was wir haben.

Unser Besuch bleibt nicht unbehelligt. Auf der Straße fährt die Polizei auf, aber es bleibt bei Passkontrollen durch zwei Zivilpolizisten.

20.03. – Zu Gast bei der HDP finden drei Treffen statt. Wir sprechen mit Vertreter*innen der HDP, der DBP (Partei der Demokratischen Regionen) und der TJA (Bewegung Freier Frauen). Der HDP-Vertreter analysiert die Verbindung zwischen den Attacken Erdoğans auf die HDP nach den Wahlerfolgen 2015 und seinem Angriff auf Efrîn. Es ist ein Krieg des faschistischen AKP-Regimes gegen die Freiheitsbewegung der Kurd*innen an mehreren Fronten, immer mit derselben Motivation – der Zerstörung der Bewegung. Gleichzeitig sind die Angriffe und die neuesten Bündnisse mit faschistischen und ultranationalistischen Kräften in der Türkei auch Teil von Erdoğans Wahlkampfstrategie. Diese Allianzen, die nicht einmal ideologisch zusammenpassen, sollen seinem Machterhalt dienen – denn er hat Angst. Die Angriffe sind in ihrer Brutalität kaum zu ertragen. Die Rollen, die die imperialistischen Kräfte in Syrien spielen, werden ebenso thematisiert wie das Wegschauen der internationalen Gemeinschaft. Dennoch betont er, dass die Kurd*innen gelernt hätten zu überleben. Und dass sie viele seien und der Kampf weitergehe.

Die Freund*innen der TJA berichten von der Unterdrückung und Repression, die besonders den Frauenorganisationen gelte. Der Kampf der Frauen gegen die patriarchalen Verhältnisse, für Unabhängigkeit, Selbstbestimmung und Befreiung, ist das, was die Faschisten zuerst attackieren. Die AKP versucht in Bakur (kurd. für »Norden«, Nordkurdistan), alle bisherigen Errungenschaften der Frauenorganisation zunichtezumachen. Der entwickelte »Gesellschaftsvertrag der Frauen«, die Anlaufstellen, zu denen sich Frauen flüchten konnten, wenn sie sich häuslicher Gewalt ausgesetzt sehen, die Nachbarschaftsräte – das alles zu zerschlagen ist des Staates oberste Priorität. Das zwingt die Frauen dazu, ihre Arbeitsweisen zu modifizieren, aber keinesfalls zu unterlassen. Ohne die Zentren, ohne finanzielle Mittel ist es umso wichtiger, als Einzelperson Teil der Bewegung zu werden.

Die Ideologie der Frauenbefreiung, die die Grundlage und die Ermutigung für die Organisierung bildet, basiert auf den Ideen Abdullah Öcalans. Der Kampf, seine Isolation zu durchbrechen, bleibt neben der Solidarität mit Efrîn und dem Kampf um die Anerkennung des kurdischen Volkes ein wichtiges Ziel.

Auch die DBP berichtet vom Krieg, den der türkische Staat gegen die demokratischen Selbstverwaltungsstrukturen führt. Von den Verhaftungen der Ko-Bürgermeister*innen, von der Militarisierung im Alltagsleben, von den faschistischen und nationalistischen Angriffen, die dem politischen Spiel des Zentralstaats dienen. Auch der DBP-Vertreter, dessen Haus zerstört wurde und der monatelang ohne Anklage im Gefängnis war, betont: »Wir geben nicht auf, bis wir demokratische Verhältnisse für alle haben!«

Newroz.

21.03. – Das kurdische Neujahrsfest, Newroz, steht neben der Tradition, den Beginn des Frühlings zu feiern, besonders auch im Zeichen des Widerstands und des Kampfes um Freiheit und Identität.

Dementsprechend lautet das Motto dieses Jahr: »Newroz ist Widerstand, es ist der Frühling der Völker gegen den Faschismus.« Bestimmende Themen sind die völkerrechtswidrige Invasion der Türkei in Efrîn und die Solidarität mit den dort lebenden Menschen sowie das islamisch-konservative Erdoğan-Regime.

Deutlich mehr als 100.000 Menschen besuchen das diesjährige Newroz-Fest. Offiziell ist es von Ankara erlaubt, dennoch gibt es Versuche, möglichst viele Menschen vom Besuch abzuhalten. So erhielten Beschäftigte der Stadt »Besuch« und wurden vor die Entscheidung gestellt, entweder mit einer Unterschrift ihre Abwesenheit von der Feier zu bestätigen oder mit einer Kündigung zu rechnen. Der von Ankara 2016 ausgerufene und mittlerweile zum siebten Mal verlängerte Ausnahmezustand verbietet politische Versammlungen, weshalb das Newroz-Fest 2018 als Zeichen des Widerstands eine besondere Bedeutung hat.

Auch am Tag selbst wird der Zugang zum Platz massiv von der Polizei behindert. Zahlreiche Kontrollen und Durchsuchungen dienen der Machtdemonstration, persönliche Gegenstände wie Stifte, Tücher oder Feuerzeuge und auch Wasserflaschen werden beschlagnahmt und über vierzig Personen in Gewahrsam genommen. Weitere Auflagen erlauben nur wenige Fahnen; es dominieren diejenigen der HDP, als Hauptorganisatorin. Parolen lassen sich durch die staatliche Repression kaum verhindern; laut und kraftvoll wird immer wieder »Bijî berxwedana Efrînê« (»Es lebe der Widerstand von Efrîn«) und »Biji serok Apo« (»Es lebe der Vorsitzende Apo«) gerufen. Kämpferisch sind auch die Redebeiträge, die sich mit Musikbeiträgen auf der großen Bühne abwechseln. Pervin Buldan, die Ko-Vorsitzende der HDP, kritisiert die türkische Invasion in Efrîn. Diese bringe nichts als Barbarei und finde nur statt, weil der Staat die kurdischen Errungenschaften nicht toleriere. Die Verbundenheit zwischen den Kurdinnen und Kurden in der Türkei und in Syrien könne Ankara jedoch nicht zerstören. Auch unter den Menschen, die sich hinter der Bühnenabsperrung befinden, die dort singen, tanzen und essen, herrschen viel Wut und Frustration. Dabei wird nicht nur an Erdoğan adressiert; vielmehr richten sich die Äußerungen auch gegen die deutsche Bundesregierung, die durch Waffenlieferungen und Repression gegen die kurdische Bewegung in Deutschland direkt mitverantwortlich ist am Krieg in Efrîn. Viele der Anwesenden berichten über ihre Verwandten und Freund*innen, die in Efrîn ihr Leben verloren haben oder sich auf der Flucht befinden. Aber dennoch, das gemeinsame Feiern gibt den Menschen Kraft. Die Kurdinnen und Kurden zeigen, dass sie existieren und dass sie viele sind. Ganz gleich, wie viel Druck ausgeübt wird, um eben diese Verbundenheit zu negieren und zu zerstören, ist Newroz der Ausdruck des gemeinsamen Kampfes und gibt den Menschen Mut und Hoffnung.

Perfide bleibt, dass wenige Tage vor dem Fest türkische und dschihadistische Truppen in Efrîn vor der von ihnen zerstörten Statue von Kawa posieren. Die Tradition, wie auch heute ein Feuer zu entzünden, darum herumzutanzen und frei über die Flammen zu springen, hat ihren Ursprung in der Mythologie, die vom Schmied Kawa erzählt, der den Widerstand gegen den Tyrannen Dehak organisierte und das Volk von der Unterdrückung befreite. Um dies zu verkünden, zündete er auf einem Berg ein Feuer an.

Nach gerade mal vier Stunden, die die Polizei die Menschen hat feiern lassen, wird die Veranstaltung aufgelöst. Zuvor hatten besonders junge Teilnehmer*innen die Absperrung des Platzes vor der Bühne überwunden und strömten auf die Fläche und die vorhandene Tribüne. Besonders in diesen Minuten herrscht eine Ausgelassenheit, der sich nur die zahlreichen zivilen Sicherheitskräfte entziehen konnten. Getanzt wurde noch intensiver, getrommelt noch lauter, Parolen wurden noch kraftvoller gerufen. Das abrupte, durch die Polizei initiierte Ende wird recht gelassen aufgenommen. »Sie stoppen uns jedes Mal so früh, aber wir genießen es so sehr wie möglich«, wie es ein junger Kurde ausdrückt.

Wir als Delegationen sehen uns in der Verantwortung, die Botschaften in unsere Länder weiterzutragen und alle Möglichkeiten zu nutzen, Druck auf die internationale Gemeinschaft auszuüben. Den Solidaritätsbekundungen in Amed müssen praktische Taten folgen, denn es ist unser gemeinsamer Kampf für unsere gemeinsamen Werte. Das ist auch der Aufruf, den die Freund*innen vor Ort immer wieder an uns richten. Die Reaktionen des türkischen Staates auf demokratische Selbstverwaltung und Basisorganisierung verdeutlichen das revolutionäre Potenzial dieser Prozesse. Diese gilt es, im Lokalen beginnend, auch international zu führen.

Im Vergleich zu den vorherigen Jahren hat sich für Personen, die weder kurdisch noch türkisch sprechen, die Zugänglichkeit zur Bevölkerung erschwert. Die Repression des Staates hat viele der lokalen Strukturen schwer beschädigt und macht die Menschen vorsichtiger. Der Ausnahmezustand wurde zum siebten Mal verlängert und dient weiterhin dazu, die gesamte Bevölkerung zu kriminalisieren, einzuschüchtern und mundtot zu machen.

Aber es gibt auch Hoffnung, besonders nach Newroz ist sie wieder deutlich stärker. Der Mut der Menschen ist ungebrochen, ebenso der Wille zur Freiheit.