Revolution ist nicht, wenn es knallt – sondern wenn sich etwas in der Tiefe verändert und etwas Neues entsteht

»Freiheit ist ein Leben ohne Angst«

Andrea Benario

»Freiheit ist ein Leben ohne Angst«Wir leben in einer Zeit tiefer Krisen und Widersprüche, die sich in unserem gesellschaftlichen und persönlichen Leben widerspiegeln. Der paradoxe Gegensatz zwischen Reichtum und Armut verschärft sich nicht nur in den Besitzverhältnissen: Der Pflanzenreichtum der Natur wird durch Monokulturen dezimiert. Diversität an Lebensentwürfen und Ausdrucksformen von Frauen wird durch patriarchale Gewalt erstickt und eingeebnet. Kultureller Reichtum verschiedener Regionen verkümmert im Grau der globalen kapitalistischen Leitkultur. Eine Vielzahl politischer Handlungsmöglichkeiten wird auf die Teilnahme an Parlamentswahlen reduziert, die keine Veränderungen bewirken oder gegebenenfalls annulliert werden. Ideenreichtum zur Verwirklichung von ausbeutungsfreien, solidarischen Beziehungen und Gesellschaften verkümmert in der Einsamkeit von Individualismus und Konkurrenz. Eine Flut an Informationen und Wissen, die durch Massenkommunikationsmittel auf uns einströmen, berauben uns der Fähigkeit zwischen Wahrheit und Täuschung zu unterscheiden. Inmitten einer Vielzahl an potentiellen Möglichkeiten sollen wir in Ausweglosigkeit und Sinnlosigkeit, in geistige und menschliche Armut bis hin zum Selbstmord getrieben werden.

Auf diese Weise werden nicht nur Natur und Ressourcen ausgebeutet und zur Ware gemacht, sondern auch unsere menschliche Existenz, unsere Gedanken und Gefühle. Globale Think-Tanks und Medienkonzerne produzieren und vermarkten unentwegt Informationen und Wissen, um uns die Allmacht des kapitalistischen Systems zu suggerieren. Mit ihren Wissens- und Informationsstrategien bilden sie Meinungen und bestimmen Tagesordnungen. Um ihre »Wahrheit« in allen Kreisen der Gesellschaft glaubhaft zu machen, verbreiten sie ihren Profitinteressen dienende »objektive Fakten« in unterschiedlichen Aufmachungen: von wissenschaftlichen Publikationen bis hin zu Hollywood-Filmen, Facebook-Einträgen und Twitter-Meldungen. Zugleich werden gegenläufige Informationen, Wissen und Wahrheiten, die von den Möglichkeiten und der Existenz einer »anderen Welt« zeugen, konsequent unterschlagen, zensiert oder manipuliert.

Jineolojî – eine Wissenschaft für die Freiheit

Vor diesem Hintergrund stellt Jineolojî einen Ansatz dar, das patriarchale, kapitalistische Machtmonopol über Wissen und Wissensverbreitung zu brechen. Die Arbeiten zum Aufbau einer alternativen Wissenschaft von und für Frauen und die Gesellschaft verfolgen das Ziel, den Wissensschatz und Ideenreichtum von Frauen aus verschiedenen Teilen der Welt bewusst und füreinander zugänglich zu machen. Hierbei geht es insbesondere darum, das Leben selbst als Quelle des Wissens zu begreifen. Indem wir unsere Lebenserfahrungen reflektieren, gelingt es uns Widersprüche von Armut und Reichtum, von Unterdrückung und Herrschaft aufzudecken, die Ursachen der Krisen und des Unrechts zu erkennen und zu benennen. Durch die Arbeiten der Jineolojî wollen wir insbesondere den vielfältigen Erfahrungsschatz, den Frauen in ihren Widerständen gegen patriarchale Gewalt und Kriege in allen Teilen der Welt gewonnen haben, einander zugänglich machen. Denn diese Erfahrungen zeigen uns, dass wir nicht allein sind, und helfen uns, das Gefühl der Isolation und Ohnmacht zu überwinden.

Vor allem in den vergangenen drei Jahren haben Frauen an verschiedenen Orten Kurdistans, des Mittleren Ostens und Europas sowie in anderen Teilen der Welt begonnen, sich auf unterschiedliche Weise am Aufbauprozess von Jineolojî zu beteiligen. Wir haben gelernt, dass die Diskussionen, Workshops, Studien und Forschungsarbeiten, die sich im Kontext von Jineolojî Schritt für Schritt weiterentwickeln und an Kontinuität gewinnen, Mut zu neuen Taten und persönlichen Entwicklungsprozessen geben und zugleich eine Inspirationsquelle gesellschaftlicher Veränderungen darstellen können. Das konnten wir insbesondere in der Dialektik der Verteidigung und des Aufbaus der Revolution in Rojava erfahren.

Isolation und Angriffe auf allen Ebenen gegen Rojava

Um zu verhindern, dass diese Dynamiken und das Wissen über die Möglichkeiten des Aufbaus basisdemokratischer Gesellschaftsmodelle Verbreitung finden können, versuchten hegemoniale und regionale Staaten von Anfang an mit verschiedensten Strategien Rojava zu isolieren, anzugreifen und zu entvölkern. Hierzu gehören das ökonomische Embargo genauso wie militärische Angriffe, die seit dem Beginn der Revolution in Rojava andauern. Wurden für die militärische Aggression zunächst Handlager wie al-Nusra, der IS u. a. FSA-Gruppierungen benutzt, so trat die Türkei ab 2016 auch offen in den völkerrechtswidrigen Besatzungskrieg ein, der durch imperialistische Hegemonialstaaten wie Russland und die USA aktiv unterstützt wurde. Um ihre Profitinteressen im Mittleren Osten langfristig durchsetzen zu können, treiben sie die Spirale des Krieges und der Zerstörung in Syrien immer weiter an. Dies wird auch an der politischen Ignoranz deutlich, die sie gegenüber der politischen und institutionellen Vertretung der Demokratischen Autonomie und Föderation Nordsyrien zeigen. Indem sie auf dem Ausschluss von VertreterInnen Rojavas bei internationalen Konferenzen und UN-Gremien für einen Friedensprozess in Syrien sorgen, wollen sie verhindern, dass die legitimen Interessen der Bevölkerung Gehör und Anerkennung finden. Auch Deutschland leistet – nicht nur mit Waffenlieferungen an die Türkei – seinen Beitrag zur Kriegs- und Abschottungspolitik gegen Rojava. So wurden beispielsweise verschiedene zivilgesellschaftliche Projekte zur Förderung des kulturellen und wissenschaftlichen Austausches mit Einrichtungen der Demokratischen Selbstverwaltung in Rojava / Nordsyrien durch Beraterstäbe des deutschen Außenministeriums unterbunden. Hiermit verfolgt die deutsche Regierung das gleiche Ziel, das die Türkei mit Mauerbau und Militäraufgebot entlang der Grenze zu Rojava und die PDK in Südkurdistan mit der willkürlichen Schließung der Grenzübergänge verfolgten: die Isolation und Abschottung von Rojava, die Unterbindung von menschlichen Begegnungen, freiem Gedanken- und Informationsaustausch.

Was ist eine Revolution? Was bedeutet Freiheit?

Rojava wurde in der internationalen Öffentlichkeit vor allem mit dem Widerstand von Kobanê gegen den IS im Jahr 2014 und mit dem seit Januar 2018 andauernden Widerstand gegen den Besatzungskrieg der türkischen Armee im Kanton Efrîn bekannt. Insbesondere die starke Beteiligung von Frauen, die auf allen Ebenen des Kampfes sichtbar wurde, erregte Aufmerksamkeit. Viele Menschen haben sich seitdem gefragt, was die Hintergründe und Ziele des Widerstands sind, und die Entwicklungen in Rojava mit Interesse verfolgt. Auf allen Kontinenten bekundeten Hunderttausende insbesondere während der wochenlangen Angriffe auf Kobanê und Efrîn ihre Solidarität mit dem Widerstand der Bevölkerung von Rojava. Bei verschiedenen Diskussionsveranstaltungen wurden u. a. immer wieder die Fragen diskutiert, ob es sich hierbei »wirklich um eine Revolution« handele, wie das Modell der demokratischen Selbstverwaltung in die Praxis umgesetzt werde und ob sich Frauen in Rojava nun wirklich befreit hätten. Die meisten Fragen, die in diesem Kontext gestellt werden, drehen sich um den strukturellen Aufbau, um technische und quantitative Daten wie beispielsweise: Wie viele Kommunen und Kooperativen gibt es? Wo kommt das Geld dafür her? Wie viele KämpferInnen sind bei der YPJ-YPG? Wie viele Frauen arbeiten bei den Asayîş oder in den Organen der Demokratischen Selbstverwaltung?

Zweifelsohne sind in diesen Bereichen wichtige Arbeiten geleistet und Fortschritte errungen worden. An Orten, an denen es Frauen früher kaum möglich gewesen wäre, allein eine Nachbarin zu besuchen, sind sie nun überall im öffentlichen Leben präsent. Jedoch reicht dies aus, um von einer Frauenrevolution zu sprechen? Wie erleben Frauen in Rojava den gesellschaftlichen Wandel in ihrem persönlichen Leben und in ihrem Umfeld? Fühlen sie sich »frei«? Wie definieren sie Freiheit?

Bei den Diskussionen um diese Fragen in Rojava stoßen wir immer wieder auf die von Männern aufgestellte Behauptung: »Jinên me azadiyê şaş fehm kir.« [Unsere Frauen haben die Freiheit falsch verstanden.] Auf die Frage hin, was sie damit meinen würden, heißt es dann zumeist: »Freiheit ist, frei zu denken, nicht irgendwelche freizügigen Kleider anzuziehen oder durch die Gegend zu ziehen ...« Mit diesem Argument bringen Männer – aber auch einige Frauen – ihren Argwohn darüber zum Ausdruck, dass viele Frauen sich nicht länger den traditionellen, patriarchalen Verhaltensmustern entsprechend verhalten. Einerseits suggeriert diese Feststellung, dass die intellektuelle Kapazität von Frauen nicht ausreichen würde zu wissen, was Freiheit sei. Andererseits spiegelt sich in der Bezeichnung »unsere Frauen« männliches Besitzdenken oder aber die Abgrenzung von Frauen gegenüber anderen Frauen wider. Jedoch sind die Diskussionen, die sich um diese Behauptung herum entfacht haben, auch ein Ausdruck von Veränderungen in den Geschlechterrollen und der Suche nach eigenen Freiheitskriterien.

Die Suche nach Freiheitskriterien findet unter den Bedingungen eines Krieges statt, durch den Frauen in Syrien vielfaches Leid, Vertreibung, sexuelle Gewalt, Armut, den Verlust von nahen Angehörigen, Ehemännern und ihren Sozialstrukturen erlebt haben. Unter dem Terrorregime des IS wurden Frauen explizit zur Zielscheibe ideologischer sexistischer Angriffe und physischer Feminizide. Unter dem IS mussten Frauen ihren gesamten Körper – einschließlich des Gesichts und der Hände – schwarz verhüllen. Andererseits preisen westliche Medienkonzerne Frauen die Schönheitsideale, Beziehungsmodelle und den individualistischen Lebensstil der kapitalistischen Moder­ne an, welche als angebliche Maßstäbe für Freiheit und Fortschritt propagiert werden. Einen Gegenpol zu diesen Konzepten, in denen Frauen jeweils zum Objekt gemacht werden, stellen die Ideen und Analysen Abdullah Öcalans zum Thema Frauenbefreiung als Grundlage der gesellschaftlichen Befreiung dar. Sie inspirieren viele Frauen allen Alters in Rojava, sich am Aufbau kommunaler Selbstverwaltungs- und Selbstverteidigungsstrukturen zu beteiligen. Sie geben ihnen Mut, patriarchale Sichtweisen und Traditionen zu hinterfragen, Männerherrschaft in Familie und Gesellschaft zurückzuweisen, ihren Willen zu artikulieren und neue Wege zu beschreiten. Es ist ein Prozess der Suche nach Freiheitskriterien, in dem gedankliche und praktische Entwicklungen ineinandergreifen und einander stärken.

Im Sommer 2018 führte das Jineolojî-Forschungszentrum des Kantons Cizîrê in Dêrik mit Frauen Umfragen und in den Kommunen Diskussionsrunden über ihr Freiheitsverständnis durch. Die Antworten und Meinungen spiegeln unterschiedliche Zugänge und Auffassungen wider, die alle ein Teil der gesellschaftlichen Realität sind, in der sich die Revolution in Rojava entwickelt.

Antworten auf die Frage »Was bedeutet Freiheit?« lauteten beispielsweise: »Freiheit bedeutet, unabhängig zu sein, sich frei bewegen und frei entscheiden zu können.« Dem fügte eine andere Frau hinzu, dass Freiheit nicht auf eigene persönliche Bedürfnisse reduziert werden könne: »Wer frei ist, denkt frei und respektiert zugleich die Gedankenfreiheit von anderen.« Viele stimmten darin überein, dass eine Voraussetzung für Freiheit sei, »die Ketten der Versklavung zu zerreißen«, dass dies allein jedoch nicht ausreichend sei: »Freiheit bedeutet, sich selbst zu kennen, eine Identität zu haben und sich selbst zu verwalten.« Eine alte Frau, die lange den Diskussionen schweigend zugehört hatte, brachte ihr Verständnis von Freiheit letztendlich in einem einzigen, aber sehr bedeutungsvollen Satz auf den Punkt: »Freiheit ist ein Leben ohne Angst.«

In den anschließenden Diskussionen über Kriterien der Frauenbefreiung und warum die Behauptung kursiere, Frauen hätten sich ein »falsches Verständnis von Freiheit« zu eigen gemacht, kamen insbesondere bezüglich des Umgangs mit gesellschaftlichen Traditionen und Sitten kontroverse Ansichten zur Sprache. Ein Teil der Frauen meinte, dass ein Kriterium der Frauenbefreiung sein müsse, »die Grenzen gesellschaftlicher Traditionen und Sitten nicht zu überschreiten«. Demgegenüber betonten andere Frauen die Notwendigkeit, sich aus Traditionen und Sitten zu befreien, die unter dem Einfluss von Religion und Männerherrschaft entstanden seien. »Die Versklavung, der Frauen bislang ausgesetzt waren, und mangelnde Bildungsmöglichkeiten« seien die Ursache dafür, dass Frauen bislang keine eigenen Lebensziele entwickeln konnten. Deshalb würden einige Frauen dazu neigen, das Nachahmen westlicher Schönheitsideale und egoistischer Umgangsformen als »Freiheit« zu begreifen. Demgegenüber müssten die Kriterien der Frauenbefreiung darauf beruhen, dass »Frauen in allen Lebensbereichen wirklich frei und eigenständig entscheiden können und sich selbst vertrauen«. Hierbei ginge es darum, ein »gemeinsames Verständnis zu entwickeln und gemeinschaftliche Verantwortung zu übernehmen« und ein Bewusstsein dafür zu schaffen, »dass Frauen und Männer die gleichen Rechte und Pflichten haben. Denn es müsse möglich sein, dass Frauen sich zugleich bilden, einen Beruf haben, heiraten und Kinder bekommen können«. Des Weiteren wiesen Frauen darauf hin, das ein wichtiges Kriterium der Frauenfreiheit sei, „die Versklavung des Menschen durch andere Menschen insgesamt zu beenden«.

»Die Freiheit ist sowohl im Hier und Jetzt als auch etwas, das sehr weit entfernt ist und was es zu erreichen gilt.«1

Daran schloss die Frage an: Was behindert die Verwirklichung der Frauenbefreiung momentan am meisten? Die meisten Frauen antworteten auf diese Frage mit Begriffen wie »gesellschaftliche Traditionen und Sitten, der Einfluss von Religion, ökonomische Abhängigkeit, Armut und der Mann«. Denn »noch immer leben Frauen unter der Mentalität des Mannes, die Frauen wie eine käufliche und verkäufliche Ware ansieht und als eine Dienerin für die Hausarbeit«. Diesem Frauenbild gegenüber hat sich im Zuge der Kämpfe zum Aufbau und der Verteidigung der Demokratischen Autonomie in Rojava ein weiteres Frauenbild durchgesetzt, das gesellschaftliche Anerkennung findet und als Vorbild gilt: »Eine willensstarke Revolutionärin, die ihr Leben für die Freiheit aufopfert und sich durchsetzt.« Hierbei ist es wichtig, nicht zu vergessen, dass all diese tausenden willensstarken Revolutionärinnen unter den gleichen Bedingungen aufgewachsen sind wie diejenigen, die als »Ware« oder »Dienerinnen« behandelt werden. Ein Kriterium für Freiheit und Frauenrevolution muss auf jeden Fall sein, diese Kategorisierung von Frauen zu überwinden.

Stellenweise wurden auf diesem Weg, sich eine gemeinsame Identität als Frauen zu erkämpfen, auch schon wichtige Fortschritte errungen: Wurden vor der Revolution Frauen in der Umgangssprache als »pirik« [Alte] bezeichnet, so hat sich nun der Begriff »jin« [Frau = Leben] durchgesetzt. Junge Frauen verbitten es sich, als »keçik« [unverheiratetes Mädchen] angesprochen zu werden. Sie bezeichnen sich heute mit Stolz als »jinên ciwan«. Anstelle der Bezeichnungen »jina min« [meine Ehefrau] oder »zilamê min« [mein Ehemann] wird zunehmend der Begriff »hevjîn« [Partner/in mit dem/der das Leben geteilt wird] verwendet. Diese Veränderungen in der sprachlichen Ausdrucksweise stehen in Wechselwirkung mit Veränderungen im Denken und in der Wahrnehmung von Frauen. Mit der Selbstorganisierung von Frauen und ihrem Engagement beim Aufbau der kommunalen Selbstverwaltungsstrukturen sind sich viele Frauen über die Bedeutung ihres vorhandenen Wissens und Könnens bewusst geworden, das früher kaum wertgeschätzt wurde: von der Kompetenz zur Lösung von gesellschaftlichen Konflikten, die unter dem Baath-Regime jahrzehntelang ungelöst dahinschwelten, bis hin zu naturheilkundlichem Wissen und dem Talent, die gesamte Nachbarschaft zu organisieren. Durch Kommunen und gemeinsames Arbeiten in Kooperativen und gesellschaftlichen Einrichtungen haben Frauen einander kennengelernt. Frauen aus verschiedenen nationalen und religiösen Communities, Frauen mit unterschiedlichen Ansichten und Zugängen zu ihrer Arbeit bilden heute an vielen Orten solidarische Frauengemeinschaften. In diesen Verbindungen unterstützen sich Frauen im Alltag, gewinnen an Kraft, Selbstbewusstsein und Handlungsmöglichkeiten hinzu. Das neue Selbstwertgefühl, das Frauen hierbei erlangen, wirkt sich wiederum auch auf die Familienbeziehungen aus. Viele Frauen berichten davon, dass sich die Atmosphäre und der Umgang in ihren Familien verändert habe, seit sie selbst angefangen haben, in ihren Kommunen aktiv zu werden.

Die Frage, was denn ihrer Meinung nach eine Frauenrevolution sei, beantwortete eine Frau aus Kobanê anhand eines Beispiels aus ihrem eigenen Leben: »Früher waren wir zu Hause eingesperrt. Wir konnten noch nicht einmal allein zu Besuch zu unserer Nachbarin gehen. In die Stadt auf den Markt zu gehen war gänzlich tabu. Deshalb musste ich mir immer meine Kleider aus dem Stoff nähen, der meinem Mann gefiel und den er gekauft hatte. In diesen Kleidern habe ich mich nie wohlgefühlt. Heute gehe ich selbst mit anderen Frauen auf den Markt und kaufe mir meinen Stoff nach meinem eigenen Geschmack. Wir besuchen die Frauen in unserer Nachbarschaft, gehen gemeinsam zu Festen und Versammlungen. Dieses Jahr sind wir zum 8. März mit einem Bus voller Frauen bis nach Efrîn gefahren, um die Frauen dort zu unterstützen.« Dies ist eine von unzähligen Geschichten, in denen Frauen in Rojava von den qualitativen Veränderungen in ihrem Leben berichten, die in keinen statistischen Erhebungen verzeichnet werden. Wenn wir die Bedeutung von Revolution und einem freien Leben wirklich verstehen wollen, müssen wir die Freiheitsmomente in den Details des alltäglichen Lebens sehen und spüren können. Hierzu gehört auch, die Freiheitsmomente in der Geschichte im heutigen Leben und uns selbst als ein Teil der Geschichte zu begreifen. Es geht darum zu sehen, dass einige Elemente der Freiheit, die wir erreichen wollen, bereits in Teilen unseres Lebens schon existieren. Indem wir diese mit Veränderungsprozessen bei uns selbst und in unserem Umfeld in Beziehung setzen, können wir auch Dynamiken für umfassendere gesellschaftliche Veränderungsprozesse in Gang setzen. Genau dies sind die wichtigen Erfahrungen und Erkenntnisse, die wir in den Begegnungen mit Menschen in Rojava lernen können.

In den letzten Jahren unternahmen einige JournalistInnen, ÄrztInnen, Fach-Delegationen, AktivistInnen und InternationalistInnen den Versuch, in die Gebiete der Demokratischen Autonomie in Rojava und Nordsyrien zu reisen, um sich selbst einen Eindruck von der Situation und den Entwicklungen zu machen. Und immer wieder stießen sie hierbei auf vielerlei Hindernisse, die durch die internationale Abschottungs- und Isolationspolitik gegen Rojava verursacht werden.

Diese bittere Erfahrung musste im Juli 2018 auch eine Delegation von Akademikerinnen für ein Kooperationsprojekt zwischen der Universität in Emden und der Rojava-Universität machen, die von der südkurdischen PDK am Grenzübergang nach Rojava gehindert wurde. Das Ziel dieser Delegation, die u. a. Grußworte und Solidaritätsbotschaften von Akademikerinnen, der Studierendenvertretung, der Gleichstellungsbeauftragten und des Friedensforums mit im Gepäck hatte, war es insbesondere gewesen, über die Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit der Jineolojîfakultät zu diskutieren.

Die Absicht, den akademischen und gedanklichen Austausch zu verhindern, ist Ausdruck der Angst der Herrschenden, dass Menschen wagen, außerhalb der Grenzen des patriarchalen, kapitalistischen Herrschaftssystems denken, lernen und leben zu wollen. Denn die Revolution und die Realität der Bevölkerung in Rojava zu erleben, zu spüren und zu verstehen, ist mit der Herausforderung verbunden, vorherrschende Dogmen, Kategorien und »Wahrheiten« infrage zu stellen. Sie eröffnet uns die Möglichkeit, neue Brücken zu bauen, um einer gemeinsamen Freiheitsdefinition näherzukommen, gemeinsam neue Perspektiven für die Frauenbefreiung als Grundlage progressiver gesellschaftlicher Veränderungen zu entwickeln und unsere Utopien zurückzuerobern.


Fußnote:
1 - aus: Widerstand und gelebte Utopien: Frauenguerilla, Frauenbefreiung und Demokratischer Konföderalismus in Kurdistan