Die Frauen wissen, was sie geschaffen haben und auf was sie sich verlassen können

Ein Gespräch mit Avin Swed, Sprecherin von Kongreya Star, dem Dachverband der Frauenbewegung in Rojava

 Avin Swed, Sprecherin von Kongreya Star, dem Dachverband der Frauenbewegung in RojavaWürden Sie sich bitte unseren Leserinnen und Lesern kurz vorstellen?

Ich heiße Avin Swed und komme aus Qamişlo und spreche hier im Namen des Dachverbands der Frauenbewegung in Rojava, Kongreya Star. Wir haben mit einer Delegation aus Nordsyrien/Rojava an der internationalen Frauenkonferenz »revolution in the making« in Frankfurt teilgenommen.

Wie bewerten Sie die Frauenkonferenz? Was sind Ihre ersten Eindrücke kurz nach Beendigung der Konferenz?

Die Konferenz hat einen guten Überblick über die Frauenkämpfe in der ganzen Welt gegeben. In den sieben Jahren, in denen wir innerhalb des Krieges diese Frauenkämpfe führen und die Frauenrevolution aufbauen, vergisst man manchmal, wie viele Frauen auf der ganzen Welt ebensolche Kämpfe führen; die sich organisieren und auch an denselben Zielen arbeiten. Wir haben sehr viel Motivation und Kraft durch die Begegnungen auf der Konferenz bekommen. Es haben viele Diskussionen stattgefunden, und es ist auch zu einem gewissen Grad an Organisierung gekommen. Es hat uns daran erinnert, wie die Revolution in Rojava begonnen hat, die vielen Diskussionen und die Kraft der Organisierung, die daraus entsteht.

Können Sie uns von dem Beginn der Revolution in Rojava berichten?

Am Anfang der Revolution in Rojava war die Frau direkt auf der Straße dabei, überall hat sie soziale und politische Organisationen gegründet und Verantwortung übernommen. So wurde von Anfang an in allen Institutionen eine Geschlechterquote von 40 % eingeführt. Das war von Anfang an die Grundlage und baute auf der langen Erfahrung der Kämpfe der kurdischen Frauen auf. Zu Beginn konzentrierte sich der Frauenkampf auf eine Veränderung des Bewusstseins, da die Region sehr vom Staat und sehr patriarchal und feudal geprägt ist. Unser Ziel war und ist es, mutige, selbstbewusste und aktive Frauen zu schaffen.

2005 wurde Kongreya Star, dessen Sprecherin ich bin, gegründet. Seit 2013 gibt es ein weit verbreitetes System von Frauenkommunen und -kooperativen, die sich in den Regionen auf allen möglichen Ebenen organisieren. Sie alle sind konföderal unter dem Dachverband Kongreya Star verbunden. Das bedeutet, dass sich alle lokal in ihren Regionen nach ihren eigenen Interessen, Aktivitäten und Problemen organisieren, aber alle in diesem Dachverband zusammengeführt werden.

Wie ist die Frauenrevolution in der Gesellschaft verankert?

Das Besondere an unserer Frauenorganisierung ist, dass wir immer in der Gesellschaft sind, wir sind Teil der Gesellschaft. Natürlich haben wir auch die Erfahrungen der Frauenkämpfe weltweit mit einbezogen. Wir versuchen alle Frauen mit einzubinden, ob jung, ob alt, belesen oder nicht belesen, ob Studentin oder Analphabetin. Alle verschiedenen Eigenschaften der Frau werden mit einbezogen. Es ist eine in der Gesellschaft verankerte Organisierung. Ausdruck dessen sind die Räte und Kommunen, da sich dort alle selbst repräsentieren. Die Organisierung gibt den Frauen Kraft. Der Dachverband Kongreya Star gibt den Fraueninstitutionen Halt und verstärkt die Kraft und den Einfluss der Frauen.

Eine weitere Besonderheit der Revolution ist, dass alle Frauen aller Völker, die dort leben, zusammen sind. So wie das auch unsere Delegation ausdrückt. Dass sich die Suryoye, arabische und kurdische Frauen zusammen organisieren. Alle Religionen, Völker und Sprachen sind in der Selbstverwaltung vertreten.

Wir haben inzwischen eine 50 prozentige Repräsentanz der Frauen in allen Bereichen geschaffen. Es gibt eine ganz explizierte Bildungsarbeit von Akademien, in denen Menschen sich ein bis zwei Monate aufhalten können, um sich zu bilden. Wir haben unterschiedliche Modelle entwickelt, nach denen sich die Menschen weiterbilden können. Wir hatten ja keine Erfahrungen damit und so haben wir uns durch die Praxis weiterentwickelt. Wir reflektieren und diskutieren auf lokaler Ebene die Arbeiten und entwickeln unser Organisierungssystem entsprechend weiter. Es wird immer wieder in der Bevölkerung nachgefragt, was die Bedürfnisse, die Probleme und Mängel sind, um dann die Arbeit entsprechend anzupassen. Es ist wichtig, dass dies im konkreten Tagesgeschehen der Frauen passiert – und das ist das Leben der Frauen in den Kommunen und Räten. Dadurch hat es sehr große Veränderungen gegeben, eine Transformation der Gesellschaft. Das kann ich selbst bestätigen, da ich die sieben Jahre miterlebt habe. Die Rolle, die der Mann, der Vater, der Bruder einnimmt, hat sich geändert. Es hat ein langsames Umdenken des Mannes gegenüber den Frauen begonnen und es gibt eine Akzeptanz der Frauenorganisierung. Die gesellschaftlichen Geschlechterrollen haben sich dadurch verändert. Die Selbstbestimmung der Frau wird langsam anerkannt. So kann kein Mann mehr eine Entscheidung über eine Frau treffen. Bei Problemen gibt es Frauenorgane, die die Entscheidung treffen. Die organisierte Kraft der Frauen wird dadurch deutlich. Man muss bedenken, dass es eine Region ist, die sehr patriarchal, die sehr feudal und vom Islam geprägt ist. Die Männer, die am Aufbau der Selbstorganisierung mit beteiligt sind, haben eine Akzeptanz dafür entwickelt und insbesondere das Denken von Abdullah Öcalan akzeptieren müssen – da es die Grundlage des Systems ist, das wir aufbauen. Die grundlegende Aussage von ihm ist ja, dass die Organisierung der Frau die Grundlage der Revolution ist, damit sie funktionieren kann. Es gibt natürlich überall auch Schwierigkeiten. In Efrîn gab es zum Beispiel von der Frauenbewegung Bildung für die Männer, um ein Umdenken der Männer zu erreichen. Natürlich gibt es auch Frauen, die gar nicht aus ihrer alten Rolle herauskönnen, die das feudale Denken sehr verinnerlicht haben und auch verteidigen. Und natürlich sind auch die Männer nicht froh darüber, dass ihnen die Herrschaft entgleitet. Es ist ja so, dass durch die Organisierung der Frauen, die wir aufbauen, den Männern die Herrschaft genommen wird und stattdessen ein gleichwertiges Leben aufgebaut wird. Und insbesondere, da die verschiedenen Völker so viel Leid, Unterdrückung und Kolonialismus erlebt haben, ist es wichtig, dass die Veränderung allgemein stattfindet. Die Lösung ist die bewusste Frau.

Was konnten Sie bisher konkret in Nordsyrien/Rojava aufbauen?

Wir haben Frauenakademien aufgebaut, in denen sich die Frauen bilden können, es gibt die Selbstverteidigung, sowohl die autonomen Fraueneinheiten als auch die gemischten, in denen Frauen vertreten sind. Es gibt im ökonomischen Bereich Kooperativen, die zunächst angefangen haben mit den bisherigen Frauenarbeiten in den Bereichen Ernährung, Kleidung z. B. in Schneidereien und der Landwirtschaft, die jetzt ausgeweitet worden sind. Man kann sagen, dass die Frauenkooperativen die erfolgreichsten sind. Des Weiteren wurde die Kultur autonom organisiert und die Frauenkultur  gestärkt. In der Vergangenheit wurde allen Kulturen, die in Nordsyrien vertreten sind, ihre eigentliche Kultur, die Kleidung, die Sprache, verboten. Wir konnten uns nicht ausdrücken. Deshalb wurde dafür ein eigener Bereich geschaffen. Eine Aufgabe von uns ist die Verteidigung der Kultur. Ein weiterer Punkt sind die Aufgaben in der Verwaltung, den Bürgermeisterämtern. Überall ist jetzt die Ökonomie – die Verwaltung des Haushalts  – der Stadtverwaltungen in den Händen der Frauen. Zu lange war sie in den Händen der Männer.

Wir haben das Bildungssystem an den Schulen aus der Pers­pektive der Frauen mitgestaltet. Es gibt eigene Pressearbeit, Frauenpresseagenturen, Zeitungen, Radio, Fernsehen, die alle ihre eigenen Entscheidungen aus Frauensicht treffen. Es gibt Gerechtigkeitssysteme, in denen Frauen für die Probleme der Gesellschaft Lösungen entwickeln wollen. Das erste Mal in Syrien gibt es Frauenschutzhäuser und Orte, wo Kinder, die ihre Eltern verloren oder andere Schwierigkeiten haben, Anlaufstellen haben. Es gibt eine Organisierung der Arbeiterinnen und es gibt eine Organisierung der Familien von Gefallenen. Und für alle gibt diese Organisierung in der schwierigen Situation, die in Nordsyrien herrscht, Sicherheit. Die Frauen wissen, was sie geschaffen haben und auf was sie sich verlassen können. In allen Strukturen, die ich genannt habe, kommen Frauen zu wöchentlichen Sitzungen zusammen. Dort werden die Dinge, die erreicht wurden, besprochen und auch kritisiert. So kommt die ganze Bevölkerung zusammen.

Dann gibt es noch die Frauenrechte bzw. Gesetze, die in der Revolution geschaffen wurden und die von allen Gesellschaftsgruppen und Kulturen gemeinsam verabschiedet wurden. So wurde von den Frauen im Gesellschaftsvertrag durchgesetzt, dass erst ab 17 Jahren geheiratet werden darf, dass Mehrehen verboten sind und das Erbrecht zugunsten der Frauen geändert wurde. So geht nun das Sorgerecht für die Kinder bei einer Trennung an die Frau, um nur ein Beispiel zu nennen.

Durch die Revolution ist auch der Umgang mit Vergewaltigung aufgebrochen worden. Vorher war es so, dass eine Vergewaltigung an den Ehrbegriff gekoppelt war. Das bedeutete, dass die Frau, die vergewaltigt worden war, entehrt und häufig auch getötet wurde. Jetzt kann über Vergewaltigung geredet werden. Eine Vergewaltigung bedeutet, dass der Frau Gewalt angetan wurde, dass sie verletzt wurde und nicht noch weiter verletzt werden darf. Auch hier hat in der Gesellschaft ein Tabubruch stattgefunden.

Doch sind diese Errungenschaften – und das muss ich betonen – in Gefahr. Denn die Angriffe, wie die der Türkei auf Efrîn, haben sich genau gegen diese Entwicklungen gerichtet. Denn Efrîn war ein Beispiel für eine ökologische Region und stand für ein friedliches Zusammenleben aller Völker. Durch den Angriff der Türkei wurden die Menschen in Efrîn in kurzer Zeit um 100 Jahre zurückgeworfen.

Wie haben Sie das Leben in Europa wahrgenommen, wie bewerten Sie die Delegationsreise?

Ich kenne Europa vor allem aus der Theorie und was der Kapitalismus, dieses System, für einen Einfluss auf den Menschen hat. Man kann das hier sehr gut erkennen. Den ganzen Tag rennen die Menschen von einem Ort zum anderen. Arbeiten von früh bis spät, aber wofür die Menschen arbeiten, davon haben sie keine Ahnung. Was mir auf der Konferenz aufgefallen ist. Auf der Konferenz waren über 500 Frauen aus allen Ländern, es war sehr bunt und schön, und wir haben auf allen Ebenen diskutiert, und es wurde auch emotional. Dass es emotional wurde, war Thema von Diskussionen. Dass auch deutsche Frauen Gefühle gezeigt haben, wurde Thema von Diskussionen. Das hat mich gewundert und fand es komisch. Ich habe erfahren, in welchem Maße die Menschen hier ausgetrocknet und hart geworden sind, von sich selbst entfremdet. Und wenn sie dann einmal Gefühle zeigen, das thematisiert wird.

Manchmal sind Menschen, die aus Rojava nach Europa gegangen sind, zu uns gekommen, wenn sie wieder zurück waren, und haben uns erzählt, dass in Europa Freiheit herrscht, weil eben jeder das machen kann, was er möchte. Keiner sich in das Leben anderer einmischt. Und ich habe dies hier auch wahrgenommen. Ich fand es ziemlich abstoßend, dass sich hier tatsächlich wenig füreinander interessiert wird. Vielleicht wird Hallo gesagt und auch gefragt, wie geht es dir. Aber ein wirkliches Interesse, wie es den anderen geht, was er macht und fühlt, habe ich nicht erlebt. Da mag ich die Mentalität des Nahen Ostens lieber, wo ein tatsächliches Interesse füreinander spürbar ist, ein gemeinsames Leben, gemeinsames Empfinden. Vielleicht ist es manchmal etwas viel und auch nervig, aber diese Kälte hier, dieses Desinteresse, das empfinde ich als abstoßend.

Ich komme aus einem Gebiet, wo seit sieben Jahren Krieg herrscht und auch schon vorher ein eher ärmliches Leben uns bestimmte, mit wenig materiellen Sachen. Aber dort lachen die Menschen aus ihren Herzen; hier sehe ich dies nicht. Hier herrscht Frieden, hier gibt es alles Materielle, aber die Fröhlichkeit und Herzlichkeit fehlen.

Und etwas anderes noch, was mir aufgefallen ist, alle grüßen einander mit der Hand oder mit einer Umarmung. Aber die Wärme fehlt. Normalerweise fühle ich, dass so eine Begrüßung, so eine Umarmung Energie überträgt, dass sie Kraft gibt, aber hier habe ich das nicht wahrgenommen.

Wir haben uns hier mit verschiedenen Vertretern von Parteien, Institutionen, Frauenorganisationen und Vertreterinnen von Kirchen treffen können. Dabei habe ich oft empfunden, dass die Menschen hier uns von oben herab betrachten. Dass sie verwundert waren, dass wir eine so gute Arbeit in so einer schwierigen Region machen. Die Organisationen stellten sich über uns, die aus Mesopotamien kommen. Sie wissen dabei oft gar nicht, dass die Zivilisation in Mesopotamien begonnen hat. Sie kennen sich selbst nicht, aber sehen sich als was Besseres als uns, die wir aus Mesopotamien kommen.

Ich habe das Glück gehabt, dass ich mit der kurdischen Bewegung groß geworden bin, dass ich von klein auf gelernt habe, dass ich als Frau nicht weniger wert bin als ein Mann und ich als Kurdin gegenüber anderen gleich viel wert bin. Wir ergänzen uns. Wir sind als Menschen vielleicht in einigen Punkten verschieden – aber wir sind auf einer Ebene. Ich habe gelernt, mich nicht minderwertig zu sehen, aber auch mich nicht über andere zu stellen. Ich bin in der Lage, Gefühle gegenüber Menschen zu empfinden, Empathie zu empfinden für jeden, jede Frau, egal welchen Hintergrund sie hat – ob verheiratet oder nicht, ob arm oder reich, Kurdin oder nicht Kurdin, ob sie Kinder hat oder nicht. Ich habe die Fähigkeit, Empathie zu zeigen und kein Problem, auch Fehler oder auch Schwächen zu zeigen, da sich so die Chance ergibt, diese Fehler und Schwächen zu überwinden.

Diese Delegation war gut, um Erfahrungen zu sammeln. Wir konnten Fraueninstitutionen und auch viele andere Organisationen treffen, und wir konnten erleben, wie Frauen hier denken und was für einen Einfluss das System auf sie hat. Wir hatten schon öfters Frauen aus Europa bei uns zu Gast, aber in den Tagen, die wir mit ihnen hier zusammen sein konnten, haben wir sehen können, wie groß der Einfluss des Kapitalismus ist. Wie einsam die Frauen hier sind und wie allein. Ich hoffe, mit den ganzen Erfahrungen, die wir hier gemacht haben, unsere Arbeiten voranbringen zu können.