Eine Erinnerung zur 200. Ausgabe

Mit dem Kurdistan Report in der Hand Beziehungen vertieft

Kasım Engin, ehemaliger Leser und Mitarbeiter des Kurdistan Reports, 1. Oktober 2018

Kurdistan ReportZuallererst möchte ich – als ehemaliger Mitarbeiter und Leser – den Mitarbeitenden sowie allen Leserinnen und Lesern des Kurdistan Reports zum Erscheinen der 200. Ausgabe gratulieren.

Ich selbst führe meinen Kampf nun als Guerilla in den Freiheitsbergen. Ich muss aber festhalten, dass ich mich begeistert an den Kurdistan Report erinnere und ihn vermisse. Ich erinnere mich, weil ich die Zeitschrift einst las, ihren Inhalt verfolgte. Ich erinnere mich wiederum, weil die Mühen vieler wertvoller junger Leute wie Hüseyin Çelebi darin steckten. Außerdem erinnere ich mich, weil ich 1989 selbst meinen Beitrag zu ihrem Erscheinen geleistet und schließlich selbst Artikel geschrieben habe. Ich vermisse sie, weil sie uns als Zeitschrift wirklich bereichert hat. Zugleich muss ich mit großer Aufrichtigkeit sagen, dass ich angesichts der neueren Ausgaben feststellen muss, dass sie von einer besonderen Qualität sind. Dazu gratuliere ich erneut und immer wieder allen, die zur Veröffentlichung des Kurdistan Reports beitragen.

Der Beitrag des Kurdistan Reports für uns, die hier in Deutschland aufwuchsen und daher weder Türkisch noch Kurdisch lesen konnten, war unschätzbar wertvoll. Auch wenn es zu kritisieren wäre, die eigene Realität, die eigene soziale Situation und das Land in einer anderen als der eigenen Sprache kennenzulernen, so stellte es sich für mich und uns als große Chance heraus, die der kurdischen Jugend seinerzeit geboten wurde. In diesem Zusammenhang ist der Kurdistan Report in zweierlei Hinsicht sehr bedeutungsvoll; zum einen das Näherbringen für die deutsche Gesellschaft in Deutschland und die deutschsprachen Regionen, zum anderen für uns Menschen, die dazu gezwungen waren, fern der Heimat zu leben, um Wissen über die eigene Realität zu erlangen, darüber an Identität zu gewinnen, um so Mitstreiter des Freiheitskampfes zu werden.

Möglicherweise gilt das Gesagte für andere Völker der Erde nicht. Doch für jene, deren Sprache wie unsere verboten ist, deren Lebensräume und Identität verleugnet werden und denen nicht ein Fußbreit eigenen Landes gewährt wird, hat es eine große Bedeutung, dass an fernen Orten Wissen über die eigene Identität erworben werden kann.

Ein anderer wichtiger Aspekt ist, dass wir mit dem, was uns der Kurdistan Report bot, die Bekanntschaft vieler Kreise machen konnten. So viele linke oder sozialistische Zusammenhänge, feministische und anarchistische Kreise und eine Vielzahl antifaschistischer Gruppen lernten wir beim Verteilen des Kurdistan Reports kennen und begannen, eine Beziehung zu ihnen aufzubauen. Das hat uns bei der Bildung unserer ideologischen Identität viel gebracht.

Natürlich verteilten wir den Kurdistan Report in erster Linie an kurdische Jugendliche, die kein Kurdisch und Türkisch sprachen. Außerdem an unsere deutschen Freunde in unserer Umgebung. Und selbstverständlich auf zahlreichen Veranstaltungen an Ständen an interessierte Linke und Sozialisten, anarchistische und antifaschistische Kreise. Auch den Aufgeklärten und Politikerinnen und Politikern versuchten wir uns natürlich zu erklären. Es ist also sicher, dass dies alles eine wichtige Rolle für die Anerkennung und Förderung des Freiheitskampfes in Deutschland spielte.

Bei der Erwähnung der Verteilung des Kurdistan Reports erinnere ich mich, dass ich 1990 nach Ostberlin gegangen bin, nach Ostdeutschland. Wir hatten nur unsere Sprache, um uns vorzustellen, und unseren Kurdistan Report in der Hand. Ich liege wohl nicht falsch, wenn ich behaupte, dass ich mich Richtung Ostberlin öffnete. Tatsächlich war unser einziges Mittel, Beziehungen zu Ostberlin aufzunehmen, der Kurdi­stan Report.

Ja, wenn an den Kurdistan Report gedacht oder er vermisst wird – es war eine Realität. Und ja, er hätte nicht unser einziges Mittel zur Herstellung einer Verbindung zu linken, sozialistischen und demokratischen Kreisen sein sollen.

Und selbstverständlich waren die Beziehungen, die wir in der deutschen Stadt Frankfurt beim Verteilen des Kurdistan Reports mit deutschen, philanthropischen Sozialisten, Feministen, Linken, Demokraten, Anarchisten, Autonomen und Antifaschisten aufbauten, genossenschaftliche Beziehungen. Selbst als Kurdistan-Guerilla suche ich die kameradschaftliche Beziehung, die wir dort entwickelten, und rufe sie mir in Erinnerung. Es war der Kurdistan Report, der diese Beziehung und die Genossenschaftlichkeit ermöglichte.

Kurz gesagt, der Kurdistan Report ist nicht nur eine Zeitschrift. Auch nicht nur eine Reihe von Artikeln, die an einige junge Leute zur Lektüre verteilt werden. Im Zwischenmenschlichen und im Individuellen – der Kurdistan Report war nicht nur der Name für die Verbindung zu insbesondere linken, sozialistischen, feministischen, demokratischen, antifaschistischen, anarchistischen und verschiedenen Glaubensgruppen, sondern er war die Verbindung selbst.

Wir sollten wissen, je mehr wir den Kurdistan Report verbreiten, desto stärker wird naturgemäß unser Beziehungsnetzwerk und desto möglicher wird es werden, die freiheitliche Welt zu schaffen, in der wir leben wollen.

Ja, in der revolutionären und freiheitlichen Überzeugung, dass eine schöne Welt möglich ist, und dies durch das Verbreiten von Zeitschriften wie dem Kurdistan Report.