Leseprobe aus Abdullah Öcalan: Manifest der demokratischen Zivilisation, Band II: Die kapitalistische Zivilisation

Unmaskierte Götter und nackte Könige – Manifest der demokratischen Zivilisation, Band II

Unmaskierte Götter und nackte Könige – Manifest der demokratischen Zivilisation, Band IIIn etwas mehr als drei Jahren (2007–2010) hat Abdullah Öcalan mit dem »Manifest der demokratischen Zivilisation« ein 5-bändiges Opus Magnum geschrieben, in dem er seine Erfahrungen und Erkenntnisse aus 35 Jahren radikaler Theorie und revolutionärer Praxis zusammenfügt.

Im zweiten Band, aus dem wir eine Leseprobe veröffentlichen, kritisiert Öcalan nicht nur die kapitalistische Moderne als angeblichen Endpunkt der Geschichte, sondern weitet den Blick auf die zugrunde liegenden Strukturen aus. Den Kapitalismus betrachtet er als eine unnötige, zerstörerische Verirrung, die niemals fortschrittliches Potenzial besaß, sondern die Gesellschaft im Innersten zerstört. Seine aktuelle Form als kapitalistische Moderne beschreibt Öcalan als Dreiecksbeziehung von Kapitalismus, Industrialismus und Nationalstaat.

Aus dem Schlussteil, Schlussfolgerungen – Ist ein Kompromiss zwischen staatlicher Zivilisation und demokratischer Zivilisation möglich?, S. 363–372.

8. – Den ersten Widerstand und die ersten Aufstände gegen die Barbareien des kapitalistischen Zeitalters leisteten die Völker und Stämme, die dem Prozess der Kolonisierung oder Halbkolonisierung unterzogen werden sollten. Die Ureinwohner Nordamerikas und die aztekische Zivilisation und andere in Mittel- und Südamerika leisteten Widerstand bis zum Letzten. Auch die asiatischen und afrikanischen Zivilisationen, Stämme und Völker (Zivilisationen in China, Indien, Äthiopien und Tausende Stämme) leisteten ständig Widerstand oder erhoben sich. In einer bewussteren und organisierteren Form erzielten nationale Befreiungsbewegungen überwiegend im zwanzigsten Jahrhundert bedeutende Erfolge, trotz Fehlern und Mängeln. Der große Warnruf im Inneren hingegen war der Prozess der Proletarisierung selbst. Anders als angenommen stellt der freie Verkauf der Arbeitskraft auf dem Markt keine Erlösung von Leibeigenschaft und Halbsklaverei dar; im Gegenteil ist es die Verdammung zur grausamsten Sklaverei, die keinen Ausweg kennt, als für Lohn zu arbeiten. Dass dieses neue Tyrannenregime schlimmer ist als das vorige, zeigt sich sofort in der Unmöglichkeit, Arbeit zu finden, genauso wie in einem Lohn, der nie ausreicht.

Alle großen Aufstände gegen den Kapitalismus wurden unternommen, um nicht zu solchen Arbeitern zu werden. Diese Aufstände waren nicht der Kampf für das Arbeiterwerden, sondern dagegen. Dies falsch darzustellen und zu sagen »Es lebe der Kampf der Arbeiter« ist gleichbedeutend mit »Es lebe die Sklaverei«. Richtig und auch vom Leben gestützt ist, sich gegen die Verdammung zum Lohn zu stellen. Diese sich spontan entwickelnden und lawinenartig anwachsenden Aufstände von einerseits Bauern und andererseits Handwerkern in Werkstätten und Manufakturen sind stets in die Geschichte des Kapitalismus eingewoben. Auf der anderen Seite suchten die Intellektuellen, die keine Hoffnung in die Zukunft der feudalen Ordnung setzten, aber die Entwicklung der neuen Ordnung auch nicht abschätzen konnten, stets ein »Land der Sonne«.1 Die ersten Utopisten kündeten niemals vom Kapitalismus. Im Gegenteil, gegen diesen Alptraum stellten sie Projekte einer zwar illusorischen, aber dennoch hoffnungsfrohen Zukunft. Im Zeitalter des Übergangs zum Kapitalismus war dies der Kampf einer breiten und heroischen Generation, angeführt von großen Utopisten wie Saint-Simon, Campanella, Fourier und Erasmus, für ein Zeitalter der Gleichheit, der Freiheit und einer kommunalen Ordnung.

Unter der Führung von Karl Marx und Friedrich Engels wurde die Fahne des Aufstandes gegen den Kapitalismus erstmals auf wissenschaftlicher Grundlage gehisst. Diese erste Bewegung gegen das System war unter dem Namen wissenschaftlicher Sozialismus für einhundertfünfzig Jahre der Alptraum des Kapitalismus, auch wenn sie bedeutende Fehler und Mängel in sich trug. Sie vollbrachte immense Heldentaten und erkämpfte sich bedeutende Stellungen. Nicht weniger als siebzig Jahre lang war sie die offizielle Ideologie der UdSSR. Sie brachte Festlandchina auf die Beine. Sie wurde zur Inspirationsquelle nationaler Befreiungsbewegungen. Das Pech dieser gegen das System gerichteten Bewegung war, dass es ihr nicht gelang, die kapitalistische Moderne zu analysieren und einen radikalen Bruch mit ihr zu vollziehen. Ihr wissenschaftliches Paradigma war positivistisch. Sie verstand zu wenig, wie die Tradition der staatlichen Zivilisation und Macht sich in der kapitalistischen Zivilisation fortsetzte. Dennoch hat sie es mehr als verdient, einer der Eckpfeiler der demokratischen Zivilisation zu sein.

Auch den Antikapitalismus der Anarchisten dürfen wir niemals geringschätzen. Viele Anarchisten, allen voran Proudhon, Bakunin und Kropotkin, waren meisterhafte Revolutionäre, die Systemkritik mit demokratischem Kommunalismus verbanden. Die Freiheits- und kommunalistische Bewegung verdankt ihnen viel. Grundlegende Mängel und Fehler auch dieser Bewegung waren, den Kapitalismus nur als Wirtschaftssystem zu sehen, seine Grundlage in Zivilisation und Macht nicht vollständig zu erfassen und die Schablonen der Moderne nicht durchbrechen zu können.

Die studentische und Jugendbewegung, die sich ab 1968 sprunghaft entwickelte, war die größte Protestbewegung am Beginn des Finanzzeitalters. Zwar überwog ihre utopische Seite, doch wurde sie zur Fackel von Aufklärung und Freiheit in einer schmutzigen und dunklen Zeit. Die sich anschließend entwickelnden kulturellen, feministischen und ökologischen Bewegungen waren mit ihrer erstmals anti-modernistischen Perspektive bahnbrechend. Ohne sich auf Macht zu stützen, verbreiterten sie den Aufbruch im Kampf für Gleichheit, Freiheit und Demokratie. Die Systemgegner, die in der globalen Gesellschaft gegen den globalen Kapitalismus einen Namen haben und sich bemerkbar machen, würden durch eine Selbstkritik an der Vergangenheit und mit einem besser strukturierten Verständnis von Geschichte und Gesellschaft stärker werden. Dann könnten sie durch einen vollständigen Bruch mit der kapitalistischen Zivilisation und integriert in die demokratische Zivilisation auf dem Weg von Freiheit, Gleichheit und Kommunalismus vorangehen.

9. – Der Erfolglosigkeit der Revolutionäre des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts lagen ihre Irrtümer bei den Themen Macht und dem Nationalstaat als ihrer modernen, konkreten Verkörperung zugrunde. An die Macht zu kommen, betrachteten sie als grundlegenden Schritt für die Lösung gesellschaftlicher Probleme. In ihren Programmen war die Ergreifung der Macht als erstes Ziel aufgeführt. Alle Formen des Kampfes waren an dieser Perspektive ausgerichtet. Dabei bedeutet die Macht selbst die Abwesenheit von Freiheit und Gleichheit und das Gegenteil von Demokratie. Dieses Instrument hat traditionelle Eigenschaften, die selbst aufrechteste Revolutionäre krank machen, wenn sie sich mit ihnen anstecken. Außerdem fehlte ihnen eine historisch-soziologische Analyse der Macht, die sie als Instrument zur Befreiung betrachteten. Fragen wie die nach der Entstehung von Macht durch die Geschichte hindurch, ihre Entwicklungsstufen, ihr Verhältnis zu Wirtschaft und Staat, ihre Rolle in den Zivilisationen und wie sie sich in der Gesellschaft etablierte, wurden nicht einmal gestellt. Als würde sie wie ein Zauberstab in den Händen der Revolutionäre alles bei Berührung in ein Paradies verwandeln. Welches Problem sie auch berührte, würde auf den Pfad der Lösung gebracht. Selbst der Stil der Diktatur erschien attraktiv, und so wurde gegen die Diktatur der Bourgeoisie die Diktatur des Proletariats ausgerufen. Noch offensichtlicher konnte man nicht in die Falle tappen. Die heroischen Kämpfe aus einhundertfünfzig Jahren versanken in den Strudeln der Macht. Am Ende stand die Einsicht, dass die Macht als griffbereites Instrument den reaktionärsten Mechanismus des Kapitalismus zur Herstellung von Ungleichheit, Unfreiheit und Anti-Demokratie darstellt. Doch vieles war bereits verloren. Die Krankheit der Macht, die in der Geschichte bereits das Christentum ereilt hatte, hatte in ähnlicher Weise erneut zugeschlagen.

Die Haltung zum Nationalstaat geriet noch katastrophaler. Dieser in höchstem Maße mit Nationalismus, Sexismus, Religion und Szientizismus aufgeladene Leviathan der Moderne wurde als grundlegender und richtiger Rahmen des Kampfes akzeptiert. Im Vergleich zum demokratischen Konföderalismus wurde der zentralistische Nationalstaat als fortschrittlicheres und besser problemlösendes Mittel, besser gesagt als Zweck präsentiert. Keinerlei Analysen gab es zum Nationalstaat, der ja die Grundlage für eine Struktur der Macht bildet, die durch nationalistische Verallgemeinerung, gesellschaftlichen Sexismus, religiösen Fanatismus und szientistischen Positivismus einen aufgeblasenen, äußerst grotesken Staatsbürger schafft, die Gesellschaft vollständig durch den Staat absorbiert und letztlich in den Faschismus führt. Als die Wahl des wissenschaftlichen Sozialismus auf dieses Instrument fiel, das die Macht bis in die Zellen der Gesellschaft pumpte, war das Schicksal des Sozialismus von vornherein besiegelt. Die offizielle Erklärung seiner Auflösung 1989 war nur eine Formalität. Als die demokratischen Qualitäten der Sowjets bereits in der Frühzeit der Oktoberrevolution beseitigt wurden, hätte klar sein müssen, dass nicht Sozialismus, sondern Kapitalismus entstehen würde. Mit dieser Form der Macht hing auch zusammen, dass die nationale Befreiung nicht das Erhoffte bieten konnte. Wie hätten Freiheit und Gleichheit mithilfe eines Instruments errichtet werden sollen, das auf der Unterdrückung von Freiheiten, Gleichheit und Demokratie beruht? Da Demokratie als ein Instrument betrachtet wurde, das ohnehin nur die Macht aufweicht, war sie gleich zu Beginn abgeschafft worden.

Der Nationalstaat als Proto-Faschismus rollte wie ein Bulldozer über den Reichtum hinweg, den die Gesellschaft im Laufe der Geschichte erlangt hatte, und begrub dazu noch ihre Hoffnung auf die Zukunft in einem dunklen Grab. Es blieb nur der Nationalstaat, der durch eine positivistisch-nationalistische Religion des Götzendienstes an Objekten geschützt wird, der sich selbst als das einzig Richtige konstruiert, der für seine Gefühllosigkeit und Brutalität bekannt ist, die bis zum Völkermord reicht, und der selbst zum Gott wird. In der fünftausendjährigen Geschichte des Kapitals wurden erstmals Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Ideologie in eins zusammengeschweißt. Das dadurch erreichte Gewaltmonopol war selbst die Quelle aller Probleme. Klar ist: Solange der Nationalstaat als Begriff und Praxis nicht überwunden wird, kann der Kampf für den Sozialismus nicht mehr als einen Selbstbetrug darstellen. Und solange der Industrialismus nicht als Zwilling des Nationalstaates analysiert wird, können das krebsartige Wachstum vor allem der Stadt und die Zerstörung der Umwelt nicht gestoppt werden. Der zum revolutionären Ziel erklärte Industrialismus ist die Form des Maximalprofits des Staatsmonopolismus. Dies lässt sich allenfalls als Pharaonensozialismus deuten. Als gröbste Verfechter des Industrialismus sanken die UdSSR bis zu ihrer Auflösung und heute das sozialistische China zu Regimen herab, von denen das kapitalistische System immens profitierte und auch heute noch profitiert. Es ist ein Sieg des liberalen Kapitalismus, dass sie zu den stursten Verfechtern eines Modernismus des Nationalstaates und des Industrialismus wurden.

Eine besonders aufschlussreiche Methode ist, bei einem ­Sy­stem wie dem Finanzzeitalter, das sich als besonders wirtschaftlich präsentiert, stets das Gegenteil von dem anzunehmen, was es behauptet. So werden wir zu besseren Interpretationen gelangen. Wenn es »Finanzen« sagt, sollten wir eine Macht verstehen, die sich bis in die kleinsten Zellen der Gesellschaft ausgebreitet hat. Wenn es »Wirtschaft« sagt, sollten wir ein außer- oder gar anti-wirtschaftliches System verstehen. Wenn es »Neoliberalismus« sagt, sollten wir starren Konservativismus verstehen.

Nationalstaat, Industrialismus und Finanzmonopol sind Instrumente, um den Zerfall nicht nur der kapitalistischen Moderne aufzuhalten, sondern auch den der fünftausendjährigen Zivilisationsstrukturen. Bis zu einer Neustrukturierung, die ihnen mehr Dauerhaftigkeit verleiht, wird man an diesen Instrumenten noch stärker festhalten und sie als Waffe gegen Alternativen benutzen, indem man diese Alternativen zu falschen, vorschnellen und unausgereiften Vorstößen zwingt, um sie dann zu zähmen und zu neutralisieren.

10. – Die demokratischen und armen sozialen Gruppen haben im Laufe der Geschichte in ihren Kämpfen auf das falsche Pferd gesetzt. Sie dachten, sie könnten ihre Feinde nur besiegen, indem sie deren Waffen benutzten. Es gelang ihnen nicht, eigene Waffen zu entwickeln, die ihren eigenen freiheitlichen, egalitären und demokratischen Strukturen entsprochen hätten. Selbst wo sie dies taten, verzichteten sie nach Erfolgen oder Misserfolgen schnell wieder darauf. Sie fanden es einfacher, die weiter entwickelten Waffen ihrer Gegner zu verwenden. Und nicht nur ihre militärische Technik und Werkzeuge; von Götterkonstrukten bis zu Kleidung, von Architektur bis Denkweisen, von Ausbeutungsformen bis Machtfiktionen übernahmen sie früher entstandene Mentalitäten und Institutionen der Zivilisation entweder direkt oder integrierten und assimilierten sich. Das kommt davon, wenn man aufs gleiche Pferd setzt wie die Gegner.

Die Führer der semitischen und arischen Stämme machten sich die sumerische Denkart und die sumerischen Institutionen unverändert zu eigen und setzten sich entweder an ihre Spitze oder wurden in ihnen zu Knechten. Die Jahrtausende währenden Widerstände der Stämme, ihre Melodien mit Trommeln und Flöten, ihre legendären Heldentaten, die immer noch unsere Herzen erschüttern – so versiegten und verschwanden sie.

Die Apiru, die die ägyptische Zivilisation angriffen, blieben überwiegend Sklaven, einige wurden Bürokraten, nicht mehr. Nur den Stamm der Hebräer kennen wir; sie sind das Erbe sowohl der sumerisch-babylonischen als auch der ägyptischen Zivilisation. Sowohl für sich selbst als auch für die Welt wurden sie zum Problem. Sie wurden weder ganz Sklaven, noch gelang es ihnen, ganz frei zu werden.

Medische und skythische Stämme leisteten dreihundert Jahre Widerstand gegen das Assyrische Reich und griffen es an. Am Ende bereiteten sie dem urartäischen und dem Perserreich den Weg, Kopien des Assyrischen Reiches. Manche wurden zu Militärführern der Urartäer und Perser, die meisten aber konnten nicht vermeiden, ihre Knechte zu werden.

Der Widerstand gegen die graeco-römische Zivilisation dauerte fünfhundert Jahre ununterbrochen an. Von außen leisteten diesen Widerstand die keltischen, nordischen, gotischen und hunnischen Stämme und Wanderungsbewegungen, im Inneren die Sklavenaufstände und das Christentum, die Partei aller Armen verschiedener Ethnien. Die Errungenschaften, die ihnen blieben, waren nicht mehr als das Papsttum und als Kopfschmuck auf den Häuptern einiger Stammesführer eine blasse Kopie der römischen Krone. Das Andenken von Millionen von Widerstand leistenden Menschen, die den Löwen vorgeworfen, verbrannt und gekreuzigt wurden, blieb in den eiskalten Kalkulationen der Zivilisation eingefroren.

Die arabischen, türkischen, kurdischen, armenischen, assyrischen, tscherkessischen und hellenischen Stämme, die siebenhundert Jahre lang gegen die sassanidische und byzantinische Zivilisation (und ihre Erben) Widerstand leisteten, hinterließen Sultanskronen, die blasse Kopien früherer Zivilisationen waren, und Millionen von armen Stämmen, Subjekten von Aghas2 und Sklaven.

Was denen widerfuhr, die gegen die europäische kapitalistische Zivilisation Widerstand leisteten und den Aufstand probten, habe ich ohnehin detailliert aufgeführt.

Das (materielle und ideelle) Erbe der kommunalistischen Ordnungen, der großen, revolutionären Gesellschaft des neolithischen Zeitalters, voll von Heiligkeit; dieses Erbe, an dem alle Zivilisationen endlos genagt haben und das sie doch nicht aufbrauchen konnten; dieses Erbe zerreißt uns, zerreißt mir das Herz. Diese großartige, legendäre Geschichte derer, die widerstanden und angriffen, müssen wir als unsere eigene Geschichte betrachten, als die ›Geschichte der demokratischen Zivilisation‹. Wir müssen diese vergessene und geraubte Geschichte schreiben, beanspruchen und pflegen, aber indem wir sie sorgfältig durchkämmen. Niemals sollten wir uns um die Geschichte der blassen gekrönten Häupter und Palastknechte kümmern, die in den Schmuck einer Krone der Zivilisation verliebt waren und die die Arbeit, den Widerstand, die Aufstände, Heldentaten und die Weisheit der Armen von Stämmen, ganzen Ethnien und Völkern verrieten. Ohne diese Unterscheidung können wir die Geschichte der demokratischen Zivilisation nicht schreiben. Und wenn diese Geschichte nicht geschrieben wird, können wir auch den heutigen Kampf um Freiheit, Gleichheit und Demokratie nicht erfolgreich führen. Die Geschichte ist die Wurzel. So, wie die eigenen Wurzeln für alle Lebewesen die Grundlage ihrer Existenz bilden, so kann auch die menschliche Spezies ohne ihre grundlegende Sozialgeschichte nicht den Weg eines freien und würdevollen Lebens wählen.

Die Geschichte der herrschenden Zivilisation behauptet, die einzige Geschichte zu sein, und beruht auf der These, es könne keine andere Geschichte geben. Solange wir nicht mit diesem reduktionistischen und dogmatischen Geschichtsverständnis brechen, kann sich ein demokratisch-soziales Geschichtsbewusstsein nicht entwickeln. Glauben wir nicht, es gebe in der Geschichte der demokratischen Zivilisation keine oder zu wenige Ereignisse, Beziehungen und Institutionen. Im Gegenteil besitzt diese Geschichte eine Fülle von Material. Sie kennt mindestens so viel Mythologie, Religion, Philosophie, Wissenschaft, Kunst, Weise, Barden und Schriftsteller. Wir müssen nur verstehen, mit unserem eigenen Paradigma zu schauen, zu wählen, zu unterscheiden und zu schreiben! Ich sage nicht, dass wir die Waffen, Institutionen und Denkweisen der Feinde und Gegner nicht benutzen können. Doch wenn wir nicht mindestens im selben Maße, wie wir diese benutzen, auch unsere eigenen Denkweisen, Institutionen und Waffen herausbilden und zur Grundlage nehmen, können wir nicht verhindern, von ihren Denkweisen, Institutionen und Waffen besiegt zu werden und so zu werden wie sie.


Der Band II erscheint am 21. März 2019 bei Mezopotamien und Unrast, gemeinsam mit einer überarbeiteten Neuauflage von Band I: Zivilisation und Wahrheit. Der Band II umfasst 390 Seiten und kostet in der Paperback-Ausgabe 18 Euro.

Die erste Buchvorstellung findet am Newroztag (21. März) um 11:30 Uhr auf der Buchmesse Leipzig, auf der Leseinsel der linken Verlage »Die Bühne« in Halle 5, Stand E404 statt.  Eine weitere Buchvorstellung ist am 22. März um 20:00 Uhr im Wahlkreis-Kulturbüro der Linkspartei, Mariannenstraße 101, 04315 Leipzig. 

Internetseite des Buchs mit zusätzlichen Materialien zum Download: http://ocalanbooks.com/#/book/die-kapitalistische-zivilisation

Fußnoten:

1 - Die utopische Schrift von Tommaso Campanella, La città del Sole (Die Stadt der Sonne, 1602), ist im Türkischen als »Land der Sonne«, im Deutschen als »Der Sonnenstaat« erschienen.

2 - Agha (ağa) bezeichnet im Türkischen einen Großgrundbesitzer, dem mitunter die Dorfbewohner tributpflichtig sind.