Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

Demonstration im nordsyrischen Hesekê gegen die Invasion der Türkei: Überall ist Rojava - Überall ist Widerstandwieder ist ein ereignisreiches Jahr in Kurdistan vergangen. Zweifellos stand auch dieses im Zeichen des Widerstands gegen den Faschismus und des Aufbaus eines freien und würdevollen Lebens. Der militärische Sieg der Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) über den sogenannten Islamischen Staat in al-Baghuz, der große Hungerstreik zum Brechen der Isolationshaftbedingungen des kurdischen Repräsentanten Abdullah Öcalan auf der Gefängnisinsel Imralı und der noch andauernde Kampf gegen den Besatzungskrieg des türkischen Staates in Nordsyrien stellen dabei nur drei der zentralen Kristallisationspunkte des Widerstands in Kurdistan im vergangenen Jahr dar. Wenn wir nun die Massenproteste der Bevölkerung von Ostkurdistan in den vergangenen Wochen, den anhaltenden bewaffneten Kampf der Guerilla gegen die Besatzungsbemühungen des türkischen Staates in Südkurdistan und die Proteste der Bevölkerung Nordkurdistans gegen die Absetzung ihrer im März letzten Jahres gewählten Bürgermeister*innen hinzunehmen, gelangen wir zu einem vollständigeren Bild des Widerstandsjahres 2019.

Zentraler Angelpunkt des Widerstandes ist es, die demokratischen Errungenschaften der Bevölkerung in Kurdistan dort zu verteidigen, wo sie angegriffen werden, und neue Räume von Demokratie und Selbstverwaltung dort zu schaffen, wo die Staaten sie derzeit zu verhindern suchen. Und auch wenn diese Seite des Kampfes in Kurdistan oft weniger mediale Aufmerksamkeit erregt, so ist das Jahr 2019 auch eines gewesen, in dem der Aufbau der Freiheit, der Demokratie und der Selbstverwaltung wichtige Etappen genommen hat.

Am deutlichsten für uns wahrnehmbar ist dies in Europa. Hier hat sich in den letzten Monaten um die Kampagnen »Riseup4Rojava« und »Women Defend Rojava« herum eine Solidaritätsarbeit entwickelt, die weit über deren bisher gekannte Formen hinausgeht. Es geht nämlich nicht nur darum, gemeinsam auf die Straße zu gehen, um deutlich zu machen, dass wir auf der Seite der Revolution von Rojava und des kurdischen Freiheitskampfes stehen. Die Solidarität mit Rojava bedeutet nämlich auch, dass wir uns der Frage stellen müssen, wie wir uns im Sinne der Ideen dieser Revolution selbstorganisieren können, um unsere Kämpfe weiter wachsen zu lassen und größere Kreise ansprechen zu können. Wir sind überzeugt davon, dass diese Eigenschaft den qualitativen Unterschied zwischen der Solidaritätsarbeit von »Riseup4Rojava« und »Women Defend Rojava« und den vergangenen Wellen der Solidarität mit Kobanê oder Efrîn ausmacht.

Der Widerstand in Kurdistan und die internationalistische Solidaritätsarbeit weltweit haben uns eine Basis geschaffen, auf der wir im neuen Jahr aufbauen können. In diesem Sinne möchten wir Şiyars, Saras, Bagers, Andoks sowie aller anderen Genoss*innen gedenken, die im Jahr 2019 in diesem Kampf ihr Leben gelassen haben. Lasst uns ihrem Erbe gerecht werden, unsere Selbstorganisierung stärken und den Kampf für eine alternative, gerechte und freie Welt voranbringen.

Wir wünschen einen guten und erfolgreichen Start ins neue Jahr,

eure Redaktion


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