Über eine traditionelle Tätigkeit in Südkurdistan

Şenyer – die Walnussbaum-Akrobaten

Devriş Çimen, Journalist, Hewraman

Şenyer – die Walnussbaum-AkrobatenIn den trockenen Dörfern an den Berghängen von Hewraman haben die »Şenyer« eine äußerst interessante Tradition geschaffen. Im Herbst, während des gesamten Oktobers, machen sich in Hewraman, im Grenzgebiet zwischen Süd- und Ostkurdistan, die Şenyer an die Arbeit. Şenyer – das ist ein Begriff aus dem Hewramî und bezeichnet die jährlich stattfindende, vielleicht kürzeste Arbeitstätigkeit. Wie erzählt wird, gibt es außerhalb dieser Region keine Tätigkeit, die derjenigen der Şenyer gleicht. Aus diesem Grund entschied ich mich, dieses Jahr zur passenden Zeit in das Gebiet zu reisen und mir diese Arbeit genauer anzuschauen. Ich habe deshalb den Oktober in Hewraman, genauer in den Örtchen Biyara und Tewella, verbracht.

Die für ihre Köstlichkeit berühmten Hewraman-Walnüsse

Walnussbäume fühlen sich an hoch gelegenen und sonnigen Stellen wohl. Die östlich von Helepce (Halabdscha) gelegenen Hewraman-Dörfer bieten dafür die beste Voraussetzung. Als ob die Bäume ihre Liebe zur Sonne bekunden wollen, wachsen sie an den Berghängen in die Höhe. Manche werden bis zu vierzig Meter hoch. Wer weiß, vielleicht beruht die Köstlichkeit der Walnüsse, die in den Baumkronen wachsen, eben auf ihrer Liebe zur Sonne. Jedenfalls sind sie in ganz Südkurdistan berühmt für ihren Geschmack. Es wird geschätzt, dass es in der Region bis zu 100.000 Walnussbäume gibt, deren Ernte dann für rund 7.000 bis 8.000 Dinar (rund 6 Dollar) das Kilo auf den Markt gebracht wird. Fast die Hälfte der Ernte kommt jedes Jahr im Ort Tewalla zusammen.

Die an den Berghängen heranwachsenden Walnussbäume erinnern mit ihrer Form irgendwie an Stufen. Durch diese Form können sie einerseits robuster wachsen. Andererseits wird unterbunden, dass die Walnüsse den Berg hinunterrollen. Die von den Bäumen herabfallenden Nüsse bleiben am Stamm liegen. Für ihre Ernte hat sich ein eigener Beruf herausgebildet – die Tätigkeit des Şenyer.

Wann diese Berufstätigkeit entstanden ist, kann niemand genau sagen. Es scheint, dass auch niemand je zuvor danach gefragt hat. Die ältesten Personen, die ich in Hewraman traf, konnten mir lediglich erzählen, dass es den Şenyer vor ihrer Zeit schon gab.

Zeit zum Arbeiten ...

Wenn die grünen Walnussschalen erste Risse bekommen, beginnt so langsam die Arbeit der Şenyer. Dann ist nämlich der Oktober angebrochen. Spätestens dann, sobald der Walnusskern reift, ist es die Aufgabe des Şenyers, an die Nuss zu gelangen und sie vom Baum zu pflücken. Das passiert, wenn die innere harte Schale der Walnuss eine hellbraune Farbe erhält. Lässt man die Walnuss dann noch am Baum hängen, wird das Braun der harten Schale immer dunkler, was zur Folge hat, dass sich der Geschmack des Kerns ändert und die Qualität der Walnuss leidet. Das heißt, die Besitzer der Walnussplantagen müssen sich nun schnell mit dem Şenyer über seine Entlohnung einigen. Ist das geschehen, können die Şenyer beginnen, akrobatisch die Bäume zu erklimmen, um an die reifen Walnüsse zu gelangen.

Kein Platz für Höhenangst

Die Arbeit des Şenyer ist sehr auffällig und wird in luftiger Höhe ausgeführt. Bevor er sich an seine Arbeit macht, zieht er, einem Künstler gleich, zunächst die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf sich. Nun geht es darum, die Walnüsse von den Bäumen herunterzuholen. Er klettert akrobatisch Ast für Ast hoch und erreicht schnell mal Höhen von dreißig Metern und mehr. Er wirkt dann fast schon wie ein Seiltänzer.

Seine Berufsbezeichnung stammt von dem »Werkzeug« ab, das er verwendet. Denn »şen« ist auf Hewramî der Name für den dünnen und langen Stock, den die Şenyer als Hilfsmittel zum Pflücken der Walnüsse mit sich tragen. Dieser Stock ist aus dem Holz des Pappelbaums geschnitzt und kann zwischen drei und sechs Meter lang sein.

Layaq: der Şenyer von Biyara

In Biyara hat sich ein Şenyer namens Layaq mit Onkel Faik geeinigt und wird in dessen Garten in diesem Jahr die Walnussernte übernehmen. Bevor er den Baum erklimmt, inspiziert er ihn zunächst einmal genauestens. Er hat gleich mehrere »şen« dabei und lehnt sie erst einmal an den Baum. Dann klettert er mit schnellen Bewegungen hinauf und greift anschließend einen seiner Stäbe, den er nun zwischen die Äste klemmt. Er sucht sich eine stabile Position auf dem Baum, in der er seinen Rücken an den Stamm lehnen kann. Nun greift er erneut den Stab und berührt mit ihm vorsichtig die ersten Walnüsse, die dadurch vom Baum fallen. Schnell fühlt er sich sicherer in seiner Position, was man daran merkt, dass seine Bewegungen schneller werden. Immer mehr Walnüsse landen auf dem Boden. Trotz seiner Schnelligkeit fällt auf, dass er vorsichtig agiert. Denn Äste fallen nicht hinunter. Der Şenyer achtet penibel darauf, dass er keinen auch noch so kleinen Ast durch seine Arbeit verletzt. Später erklärt er mir, weshalb er so vorsichtig agiert: »Wenn ich einen Ast verletze, wird im nächsten Jahr keine Walnuss mehr an ihm wachsen.«

Layaq ist an Stellen geklettert, an die viele andere Menschen nicht so schnell kommen. Auffallend und vermutlich überlebenswichtig ist sein Gleichgewichtssinn bei der Arbeit. Er nutzt seinen gesamten Körper auf geschickte Weise, um das Gleichgewicht zu halten. Zwischenzeitlich steckt er in solchen Höhen, dass selbst mir bange wird. Doch er wirkt stets sicher, als er sich auf den dicken Ästen entlang des Baumstamms nach oben bewegt. An einigen Stellen nutzt er sein Şen auch, um das Gleichgewicht zu halten. Mit derselben Geschicklichkeit findet er später auch seinen Weg vom Baum hinunter.

»Seit rund zwanzig Jahren arbeite ich als Şenyer. Jedes Jahr dauert meine Tätigkeit rund einen Monat. Hier in der Region gibt es dutzende Menschen, die dasselbe machen. Einige von ihnen sind mit ihrer Arbeit zu Ruhm gelangt«, erklärt er mir. Als ich ihn frage, ob das auch auf ihn zutreffe, lächelt er nur kurz und wendet sich zum nächsten Walnussbaum.

Die Arbeit des Şenyer duldet keine Fehler

Onkel Faik erzählt mir, dass er in Biyara über fast 500 Walnussbäume verfügt. Wenn er oder andere Familienmitglieder selbst sich um die Ernte kümmern müssten, würde das viel zu lange dauern, meint er. Aus diesem Grund stellt er jedes Jahr einen Şenyer ein, dessen Lohn sich auf 75.000 Dinar pro Tag (rund 60 Dollar) beläuft. Onkel Faik hält diesen Lohn für sehr hoch. Doch er weiß auch, dass die Arbeit nicht ohne Risiko ist. Denn ist der Şenyer einmal unvorsichtig und stürzt vom Baum, erleidet er im besten Fall zahlreiche Knochenbrüche.

Auch mein Begleiter Mihamed Sergeti hat zum Tageslohn der Şenyer etwas anzumerken: »Bei uns sagt man, wenn die Adler Feigen essen würden, gäbe es keine Feigen mehr. Wenn also alle Menschen Walnüsse von den Bäumen holen könnten, bräuchten wir keinen Şenyer.«

Die Zeit des Şaro

Nachdem die Besitzer der Walnussbäume ihre Ernte eingesammelt haben, kommt es zum Ritual des »Şaro«. Dieses Mal stehen nicht die Şenyer im Mittelpunkt, sondern die Kinder des Ortes. Sie können nämlich diejenigen Walnüsse aufsammeln und behalten, die von den Besitzern übersehen wurden. Für die Kinder ist diese alljährliche Gelegenheit die Zeit des Şaro.
Im Schatten des technologischen Fortschritts sind überall in Kurdistan tausende Geschichten verborgen, die wie beim Şaro die Beziehung von Mensch und Natur am Leben erhalten. ­Hewraman ist dabei jedoch eine ganz besondere Schatzgrube.